Ein Beitrag von Dr. Oliver Herwig

Innovationen, Umbrüche und neues Denken waren schon immer Treiber der Gesellschaft. In den letzten Jahren aber scheint der Wandel einer hochgradig vernetzten Welt, die nach dem Just-in-time-Prinzip wirtschaftet, katastrophale Züge anzunehmen. Da tauchen viele Herausforderungen zugleich auf: De-Kolonialisierung, Diversität und Partizipation, Globalisierung, digitale Transformation und nachhaltige Kreislaufwirtschaft weisen scheinbar in völlig verschiedene Richtungen, verstärken sich mitunter aber wechselseitig.

Die Globalisierung der Lieferketten verträgt keine großen Störungen, der Klimawandel befördert Pandemien, und Corona wiederum profitiert von der Globalisierung. Solche Kaskaden verlangen Antworten, die womöglich genauso unkonventionell ausfallen müssen wie die Herausforderungen dahinter.

Und schon stehen wir mitten im Thema: Mittendrin im Design, Design als Katalysator und soziale Leistung. Als Mittel gegen Engstirnigkeit und als Treiber der Vielfalt. Design schafft Visionen des anderen und eröffnet damit Möglichkeitsräume. Denn auch Excel-Tabellen brauchen Phantasie, oder sagen wir einfach: Perspektiven.

In aller Kürze möchte ich drei Fragen aufwerfen: Was ist Design? Was kann Design? Wohin führt Design?

Was ist Design?

Was ist Design? klingt nach einer ziemlich dämlichen Frage, zumal ich eben schon eine kurze Definition versuchte. Denn eigentlich wir müssten wir sofort zurückfragen: Was ist denn nicht gestaltet in dieser Welt? Wir formen Städte und branden Fluglinien, richten Wohnungen ein und legen Äcker an, optimieren Ferienpläne und öffnen Breitbandfrequenzen für den Mobilfunk.

Design diffundiert durch die Gesellschaft. Mehr noch: Design ist Grundbedingung moderner Gesellschaft. Die intentionale Gestaltung unserer Lebenswirklichkeit zieht immer weitere Kreise. Im Anthropozän lassen sich Natur und Kultur nicht mehr sauber trennen. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen nahm schon vor 15 Jahren an, dass auf jedem Quadratkilometer Ozean bis zu 18.000 Plastikteile schwimmen.

Ablagerungen der Industriegesellschaft finden sich selbst in den entlegensten Tälern, den wenigen verbliebenen Ur-Wäldern oder im Eis der Antarktis, wo Forscherinnen die Abgase der ersten Industriellen Revolution nachweisen. Seit über 150 Jahren verändern wir das Klima mit immer fataleren Folgen für die Welt als Ganzes.

Die Klimakatastrophe wurde lange nicht gesehen, dann geleugnet oder kleingeredet. Sie zeigt, wie wenig wir wissen um natürliche Zusammenhänge.

Auch die Transformation zur Industriegesellschaft lief keineswegs nach einem Masterplan ab. Immer gab es Kollateralschäden: Handwerker wurden zu Lohnarbeitern, Hilfskräfte zum Lumpenproletariat. Die erste Disruption brachte die Dampfmaschine, die zweite der Fernschreiber, und immer musste sich Gesellschaft anpassen an neue Wege, Dinge zu fertigen oder Neuigkeiten auszutauschen.

„Die Lebensbedürfnisse der Mehrzahl der Menschen sind in der Hauptsache gleichartig“, meinte Walter Gropius noch 1926 in seinen „Grundsätzen der Bauhausproduktion“: „Haus und Hausgerät seien Angelegenheiten des Massenbedarfs, ihre Gestaltung mehr eine Sache der Vernunft, als eine Sache der Leidenschaft.“

Über ein derart funktionalistisches Selbstverständnis der Moderne können wir nur noch staunen. Gropius stilisierte die Bauhauswerkstätten zu „Laboratorien“, in denen „vervielfältigungsreife zeittypische Geräte sorgfältig im Modell entwickelt und dauernd verbessert“ würden. Tatsächlich entstanden die meisten der heutigen Bauhaus-Klassiker eher nebenbei und waren für die meisten Zeitgenossinnen unerschwinglich.

Viel spannender ist Folgendes: Gropius ringt um das Selbstverständnis einer Zunft, die den Siegeszug der Massenfertigung erst ermöglichte. Gestaltung wird im 20. Jahrhundert zum Erfolgsgarant und Katalysator der Produktion und bald darauf zum Fundament moderner Gesellschaft selbst.

Auf den ersten Blick lässt sich Design als ungebrochene Erfolgsgeschichte lesen, als Matrix, die Schönheit und Gebrauchswert, Status und Konsum sowie Bedürfnisbefriedigung und Bedürfnisschaffung vereint.

Tatsächlich bleibt die Rolle des Designs für die meisten Menschen eher ungreifbar, vielleicht, weil es so ubiquitär und unsichtbar ist wie das Wasser, in dem sich Fische bewegen. Gropius formte daher den Mythos rationaler Gestaltung, auch, um sich gegen Vorstellungen zu immunisieren, Designerinnen würden nur Hüllen um fertig entwickelte Produkte legen, ein Vorurteil, das übrigens heutzutage, nach 150 Jahren, noch quicklebendig ist.

Inzwischen hat sich der Schwerpunkt allerdings verschoben von einer analogen Dingwelt zu einer vernetzten Beziehungswelt, die immer mehr Teilsysteme der Gesellschaft integriert. Es geht nicht mehr um singuläre Produkte oder Services, sondern um die Art, wie sie Menschen verbinden. Bestes Beispiel: das Smart Phone.

An physischer Gestaltung ist wenig geblieben, vielleicht der Kurvenradius des Gehäuses. Entscheidend ist die Nutzeroberfläche, die uns Zugang zur Welt gibt –, obwohl die meisten – mich eingeschlossen – nicht sagen könnten, wie das Gerät eigentlich funktioniert. Doch auch hier endet nicht der erweiterte Designbegriff. Gehen wir einen Schritt weiter: Das unsichtbare Netzwerk hinter dem Physischen ist das, was ein Smartphone so mächtig macht.

Auf diesen Zusammenhang verwies Lucius Burckhardt 1981 in seinem berühmten Beitrag zur Linzer Designkonferenz. Natürlich gab es damals noch keine Smartphones. Aber der Stadtwanderer und Soziologe behauptete allen Ernstes, Design sei unsichtbar, nicht gerade zur Freude von Designerinnen, die Wert darauf legten, dass Design erst sichtbar mache. Burckhardt aber behauptete sehr eloquent, auch Tageszeiten seien Gegenstand von Gestaltung:

„Die Nacht also, die ursprünglich wohl einmal etwas mit Dunkelheit zu tun hatte, ist ein menschgemachtes Gebilde, bestehend aus Öffnungszeiten, Schließungszeiten, Tarifen, Fahrplänen, Gewohnheiten, und auch aus Straßenlampen.“ Burckhard öffnete den Blick auf das verwobene System Design, das sich in einer Art Koevolution von Gestaltung und Gebrauch entfaltet.

Was kann Design leisten?

Das bringt mich zur zweiten Frage: Was kann Design leisten, wenn wir es gleich als soziale Leistung bezeichnen? Tatsächlich zielt die Diskussion um Social Design ins Zentrum unseres heutigen Design-Verständnisses. Claudia Banz, seit 2017 Kuratorin für Design am Kunstgewerbemuseum Berlin und Expertin für dieses Thema, sieht das Soziale im Design eng gebunden an Zeiten des Umbruchs. Für sie ist „Social Design“ eine „Vision, die jeweilige Gesellschaft durch Gestaltung (...) beeinflussen zu können.

Das klingt zunächst banal. Auch das Auto hat die Gesellschaft verändert, wenn auch nicht immer zum Positiven. Das mobile Internet hat das gemacht und soziale Plattformen sowieso, als sie mit der Deutungs- und Meinungsmacht klassischer Medien brachen. Zugleich macht Banz klar, dass es „dringliche Fragen“ gibt, die wir lösen müssen: Verantwortung, Partizipation, Produktions- und Arbeitsbedingungen, Hilfe zur Selbsthilfe, gemeinschaftliches Leben und Genossenschaften (...) Schonung der Ressourcen und Gemeinwohlökonomie.“ Alles Fragen für Designerinnen und Designer. Wie sonst sollte der „Wandel der Gesellschaft“ funktionieren, wenn nicht durch Gestaltung“?

Ist diese Ausweitung des Designbegriffs nun sinnvoll, mögen Sie nun fragen. Tatsächlich öffnet sich hier eines jener „wicked problems“, die der Mathematiker Horst Rittel schon in den 1960erSechziger Jahren in den Diskurs über Gestaltung eingebracht hat.

Grob formuliert handelt es sich dabei um Probleme, die nicht eindeutig gelöst werden können, weil schon die Definition des Problems seine mögliche Lösung beinhaltet. Social Design ist sehr umfassend und nimmt eine größere Unschärfe in Kauf, leitet anderseits aber den Blick auf Wirkzusammenhänge, die aus einer Perspektive allein nicht mehr gelöst werden können.

Angesichts der Spezialisierung und Ausdifferenzierung der Welt braucht es eine Disziplin, die sich als Querschnittwissenschaft versteht und Ansätze der Psychologie und Soziologie ebenso einbezieht wie Erkenntnisse der Materialforschung und daraus Bilder formt und Visionen.

Eine solche Querschnittsdisziplin ist unerlässlich für unsere Gesellschaft. Design ist eben nicht nur schön, oder funktional oder affirmativ, als Bestätigung des Status Quo. Sondern eben auch ein Blick auf das morgen, ein Entwurf für eine bessere Welt. Das ist das Faszinierende an Design, das bewusst jenseits bestehender Lösungswege auftreten kann, da es improvisierend und spielerisch Grenzen in Frage stellt und das Denken öffnet. Das ist ein Hoffnungsschimmer für eine Republik, die gerne auf Bewährtes zurückgreift und plötzlich erstaunlich große digitale Defizite aufweist.

Wohin führt Design?

Kommen wir zur dritten Frage: Wohin führt Design? Ich versuche es mal mit „mehr Offenheit“, da es uns trainiert, Vielfalt auszuhalten. Der Philosoph Wolfgang Welsch wetterte schon vor 30 Jahren gegen die „Uniformierungsdynamik der Moderne“. Ihm schwebte ein plurales Design vor, und diese Forderung klingt so aktuell wie nie: „Design muss bewusst viele und unterschiedliche Wege gehen. Es muss die Pluralität schätzen und artikulieren lernen.“ Dies sei kein Freibrief für Dilettanten, sondern ein Aufruf zu professionellem Mut.“

Diesen Mut können wir alle aufbringen, wenn Gestaltung nicht mehr nur als Schaffung „schöner“ und funktionale Produkte beschränkt wird oder als Design Thinking in Windeseile noch mehr und effizientere Services schaffen hilft, sondern als mächtiges Werkzeug zur pluralen und nachhaltigen Umgestaltung der Gesellschaft dient. Denn die Zahl der Herausforderungen wird nicht kleiner.

Den hier veröffentlichten Vortrag hielt Dr. Oliver Herwig zur Eröffnung von MCBW TALK & CONNECT während der MUNICH CREATIVE BUSINESS WEEK im Mai 2022.

Dr. Oliver Herwig (©Marian Wilhelm, München)

Dr. Oliver Herwig arbeitet als Journalist und Moderator in München. Er unterrichtet Designtheorie an der Kunstuniversität Linz, moderiert Tagungen und Podiumsgespräche (u. a. Bayerische Architektenkammer, Politische Akademie Tutzing). Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Karl-Theodor-Vogel-Preis für herausragende Technik-Publizistik.“