21. Juni 2021

In Geden­ken an Nina Shell

Die baye­ri­sche Design­sze­ne hat sich am ver­gan­ge­nen Frei­tag von Nina Shell (1962–2021) ver­ab­schie­det. Die Öffent­lich­keit kann­te sie als Desi­gn­jour­na­lis­tin und begna­de­te Netz­wer­ke­rin. Als Mit­ar­bei­te­rin von bay­ern design hat Nina Shell außer­dem ganz wesent­lich dazu bei­getra­gen, die MUNICH CREA­TI­VE BUSI­NESS WEEK (MCBW) als Deutsch­lands größ­tes Desi­gne­vent zu eta­blie­ren. Der Freun­des- und Kol­le­gen­kreis reagiert tief betrof­fen und trau­ert mit der Fami­lie mit. Boris Kochan, Prä­si­dent des Deut­schen Design­ta­ges, Freund und lang­jäh­ri­ger Weg­ge­fähr­te von Nina Shell erin­nert sich in einem Nach­ruf an sie.

Welt­mensch mit Herz
Ein Nach­ruf von Boris Kochan

»Die Form als gute Form, allein für sich gese­hen, ist tot, mau­se­tot« … ich kann es spü­ren, sehe Nina Shell förm­lich vor mir, wie sehr sie sich über die­sen Satz des lang­jäh­ri­gen Lei­ters der Neu­en Samm­lung, Prof. Dr. Flo­ri­an Huf­nagl gefreut hat – und natür­lich hat sie ihn – etwas ver­dich­tet – zur Über­schrift erho­ben über das von ihr geführ­te Inter­view. Gesprä­che aller Art waren ihr Metier – ihre Dia­log­part­ner haben sich bei ihr mehr als auf­ge­ho­ben und ver­stan­den gefühlt: Ohne jeden Anlauf war man mit­ten­drin im Erzäh­len, im Dis­ku­tie­ren und Neue-Ideen-Ent­wi­ckeln – immer wie­der fröh­lich und krea­tiv, aber auch nach­denk­lich und hintergründig.

Dabei ist sie den har­ten Weg des Tages­zei­tungs­jour­na­lis­mus nach ihrem Ame­ri­ka­nis­tik-Stu­di­um in Würz­burg und One­on­ta (Otse­go Coun­ty, New York) gegan­gen – und hat bei der Abend­zei­tung die­se (damals) sehr eige­ne Form des münch­ne­ri­schen Bou­le­vards nicht nur ken­nen, son­dern auch zu leben gelernt: In 50 oder 60 Zei­len eine kom­plet­te Bio­gra­fie anschau­lich zu erzäh­len oder »die Geschich­te eines rau­schen­den Abends«. Ihr und all den ande­ren Zei­tungs­ma­chern waren trotz fet­ter Head­lines gro­ßer »Welt­schmerz und Depres­si­on«, das Nur-Ernst­haf­te und All­zu-Wüten­de »wesens­fremd«. Die­ses »Gespür für Stim­mun­gen« in der Gesell­schaft, die­se grund­sätz­lich posi­ti­ve und zugleich gran­telnd-läs­si­ge Ein­stel­lung zu Mün­chen und sei­nen Bewoh­nern hat Nina Shell aus ihren Anfangs­jah­ren mit­ge­nom­men und in die Design­sze­ne getragen..

Hier wur­de sie schnell hei­misch, als Autorin, Redak­teu­rin und Chef­re­dak­teu­rin von unzäh­li­gen Design- und Archi­tek­tur­pu­bli­ka­tio­nen, zum Bei­spiel den Maga­zi­nen md, raum­brand, upgrade und SBK leben, bis zum werk­täg­li­chen News­let­ter Detail­Dai­ly, bei dem sich ihre Bei­trä­ge sehr zuver­läs­sig als die­je­ni­gen ent­de­cken lie­ßen, die einen wei­te­ren, häu­fig lei­se schmun­zeln­den Blick auf die gern auch etwas skur­ri­len Ergeb­nis­se von Gestal­tungs­pro­zes­sen gewor­fen haben. Wenn sie nicht unter­wegs war, konn­te man sie in der Küche ihrer Woh­nung nahe dem Josephs­platz ver­or­ten, beim Rau­chen, Tele­fo­nie­ren, Schrei­ben. Die­ser impro­vi­sier­te Schreib­tisch war nicht nur Arbeits- und Treff­punkt von Freund*innen und Kolleg*innen, son­dern lag auch ziem­lich exakt in der Mit­te zwi­schen Schott­land, dem Gar­da­see und der Insel Elba – ihrem Sehn­suchts­drei­eck vol­ler Begeis­te­rung für Natur und Men­schen, so ver­schie­den die­se sein mögen.

Ihre inter­na­tio­na­len Erfah­run­gen wie ihre Ver­net­zung in der Münch­ner Krea­tiv­sze­ne waren ganz ent­schei­den­de Fak­to­ren, um die von ihr von Anfang an für bay­ern design kon­zep­tio­nell und orga­ni­sa­to­risch mit­ent­wi­ckel­te Münch­ner Design­wo­che MUNICH CREA­TI­VE BUSI­NESS WEEK (MCBW) zum größ­ten und bedeu­tends­ten Desi­gne­vent in Deutsch­land zu machen. Uner­müd­lich hat sie – immer und über­all in Beglei­tung ihrer Hun­de Sofie, spä­ter Lot­tie –, Unter­neh­men und Orga­ni­sa­tio­nen moti­viert, sich an die­ser Platt­form zu betei­li­gen, hat sie stra­te­gisch beglei­tet und ihnen bei der Ver­sprach­li­chung gehol­fen – mit ihrem ent­waff­nen­den Charme und ihrer legen­dä­ren Hilfs­be­reit­schaft hat sie die Men­schen gewon­nen und über alle Gren­zen hin­weg mit­ein­an­der ver­bun­den. Vie­le Ver­an­stal­tun­gen hät­te es ohne sie gar nicht erst gegeben …

Bei all dem konn­te sich das jewei­li­ge Gegen­über ihrer oft auch scho­nungs­lo­sen, fast schon unge­stü­men Offen­heit sicher sein – mit der sie es sich selbst und ande­ren nicht immer leicht gemacht hat. Sie, die pro­fes­sio­nell bis zur Selbst­auf­ga­be war, hat­te die­sen unban­di­gen Frei­heits­drang – was münch­ne­risch eben bei­des umfasst, die­ses in alle Rich­tun­gen lei­den­schaft­lich und über­mü­tig Über-die-Strän­ge-Schla­gen und die­se Lust auf Selbst­be­stim­mung und Unab­hän­gig­keit. Ja, lie­be Nina, Du zutiefst münch­ne­ri­sches Ori­gi­nal, das ist mein Wort für Dich, die nach vie­len Mona­ten, in denen es Dir nicht gut ging, dann jedoch völ­lig uner­war­tet und viel zu früh gestor­ben ist: unban­dig! Dan­ke für mehr Ideen als Ver­nunft, für den – frei nach Beuys – Wär­me­cha­rak­ter in Dei­nem Den­ken. Nicht nur ich, nein, die­se krea­ti­ve Welt­stadt mit Herz wird Dei­ne Qua­li­tät der Kraft und des Wil­lens vermissen!

Boris Kochan ist Prä­si­dent des Dach­ver­bands deut­scher Desi­gn­or­ga­ni­sa­tio­nen, Deut­scher Design­tag, Vize-Prä­si­dent des Deut­schen Kul­tur­rats, Mit­glied des MCBW-Bei­rats und geschäfts­füh­ren­der Gesell­schaf­ter der Bran­ding- und Desi­gnagen­tur KOCHAN & PART­NER in Mün­chen und Berlin.

Copy­right Bild: bay­ern design & Ste­fa­nos Notopoulos