16. August 2022

100 Jah­re DIN A4

Sys­te­ma­ti­ken und Nor­mun­gen im Design des 20. Jahrhunderts

Die Fra­ge, wie viel Regel­werk im Design nötig und sinn­voll ist, stellt sich seit über hun­dert Jah­ren. Doch spä­tes­tens mit der Vor­stel­lung der DIN 476 (z.B. = DIN A4) zur Ver­ein­heit­li­chung von Papier­for­ma­ten vor 100 Jah­ren bra­chen all jene in lau­tes Kla­gen aus, die ihre krea­ti­ve Frei­heit von den vor­de­fi­nier­ten For­ma­ten bedroht sahen. Trotz die­ser und wei­te­rer Pro­tes­te set­zen sich Kanons, Regeln, Stan­dards und Nor­men bis heu­te immer stär­ker durch.

Pünkt­lich zum 100jährigen Jubi­lä­um der DIN A4 Norm am 18. August 2022 legt die Gesell­schaft für Design­ge­schich­te ihren Tagungs­band „Ras­ter, Regeln, Ratio. Sys­te­ma­ti­ken und Nor­mun­gen im Design des 20. Jahr­hun­derts“ im Ver­lag ave­di­ti­on vor. Er ver­sam­melt die Bei­trä­ge zur Jah­res­ta­gung 2021 an der FH Aachen. Die Bei­trä­ge dis­ku­tie­ren die his­to­ri­schen Aus­wir­kun­gen von Ras­tern, Regeln und Nor­mun­gen auf die visu­el­le Kom­mu­ni­ka­ti­on, die Archi­tek­tur sowie die Ding­welt vom Werk­bund­streit bis zum Design von Com­pu­tern und Internetseiten.

Ein­füh­rend wer­den der lan­ge Weg vom soge­nann­ten Welt­for­mat bis hin zur Papier­for­mat­nor­mung von Mela­nie Kurz nach­ge­zeich­net und die Grün­de für den welt­um­span­nen­den Erfolg der DIN‑A For­mat­rei­he erläu­tert. Dar­an anschlie­ßend nimmt Anke Blümm den Begriff der Ratio­na­li­sie­rung in den Blick und beleuch­tet ihn aus inter­na­tio­na­ler Per­spek­ti­ve. Vor dem Hin­ter­grund von Ras­ter und Ord­nungs­sys­te­men im Gra­fik­de­sign berich­tet Jonas Deu­ter über die Ent­wurfs­prin­zi­pi­en des Schwei­zer Gra­fik­de­si­gners Karl Gerst­ner (Agen­tur GGK). Rudolf Pau­lus Gor­bach spannt den Bogen über wei­te Tei­le der His­to­rie von gra­fi­schen Pro­por­ti­ons- und Ras­ter­sys­te­men und führt dabei auch ganz neue Kon­zep­te des Ord­nens von Infor­ma­ti­on an.
Drei Auf­sät­ze gehen näher auf den Men­schen als Maß­stab und Modell ein. Ernst Neuferts bekann­te Bau­ent­wurfs­leh­re, deren Ent­ste­hung und die dar­in ent­hal­te­nen Maß­ver­hält­nis­se ste­hen im Fokus von Micha­el Sie­ben­brodts Arti­kel. Klaus Klemp lenkt die Auf­merk­sam­keit auf Ras­ter und Modul­sys­te­me im Möbel­de­sign, wobei er eine Fül­le von Bei­spie­len aus Ost und West her­an­zieht. Die Ent­ste­hung der „Kie­ler Pup­pe“ in ihrer Funk­ti­on als nor­mier­tes Men­schen­bild (DIN 33408) und ihre Rol­le im Auto­mo­bil­de­sign und der Aus­le­gung von Arbeits­plät­zen bil­den den Schwer­punkt des Bei­trags von Kili­an Stei­ner. Von Stan­dar­di­sie­rung in der Infor­ma­ti­ons­tech­no­lo­gie han­delt ein wei­te­rer The­men­block. Zunächst wer­den von Thi­lo Schwer unter dem Titel „Stan­dard + Bri­co­la­ge = Inno­va­ti­on?“ Ent­wick­lun­gen der Com­pu­ter­hard­ware anhand design­his­to­ri­scher Topoi wie dem Sys­tem­de­sign oder dem offe­nen Prin­zip reflek­tiert. Im Anschluss dar­an führt Sebas­ti­an Rand­e­rath in die Design­ge­schich­te des CSS-For­ma­tes bei der Web­sei­ten­er­stel­lung ein und zeigt die Beson­der­heit dyna­mi­scher Ras­ter auf.

Abschlie­ßend rich­tet sich der der Blick auf Räu­me – genau­er: auf Wohn- und Aus­stel­lungs­si­tua­tio­nen. Hier­zu wid­met sich Linus Rapp der Pro­fes­sio­na­li­sie­rung im Bereich Aus­stel­lungs­ge­stal­tung und dem Ein­fluss der Hoch­schu­le für Gestal­tung in Ulm. Im Zen­trum der Erör­te­run­gen von Sil­ke Haps ste­hen der Ver­bund­werk­stoff Pla­tal des Stahl­un­ter­neh­mens Hoesch und das öko­no­mi­sche Schei­tern von Stahl­häu­sern im genorm­ten Fertighausbau.

 

Portrait Kilian Steiner
Kili­an Stei­ner (Foto: LÉROT)

Dr. Kili­an Stei­ner pro­mo­vier­te im Fach Tech­nik- und Unter­neh­mens­ge­schich­te an der LMU und TU Mün­chen. Nach Tätig­kei­ten als Unter­neh­mens­his­to­ri­ker und PR Bera­ter arbei­te­te er als Wis­sen­schaft­li­cher Mit­ar­bei­ter des Deut­schen Muse­ums. Hier setz­te er sich u. a. mit Fra­gen der Tech­nik­ge­stal­tung und Ergo­no­mie aus­ein­an­der, bevor er 2008 als PR Mana­ger Inter­na­tio­nal zum Unter­hal­tungs­elek­tronik­her­stel­ler Loewe wech­sel­te. Seit 2014 ver­ant­wor­tet er als Lei­ter Öffent­lich­keits­ar­beit die Öffent­lich­keits­ar­beit von bay­ern design und der Munich Crea­ti­ve Busi­ness Week (MCBW). Er ist u. a. Vor­stands­mit­glied der Gesell­schaft für Design­ge­schich­te e.V. und enga­giert sich ehren­amt­lich im Aus­schuss für Kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en der Indus­trie- und Han­dels­kam­mer Nürn­berg für Mittelfranken.