Die Frage, wie viel Regelwerk im Design nötig und sinnvoll ist, stellt sich seit über hundert Jahren. Doch spätestens mit der Vorstellung der DIN 476 (z.B. = DIN A4) zur Vereinheitlichung von Papierformaten vor 100 Jahren brachen all jene in lautes Klagen aus, die ihre kreative Freiheit von den vordefinierten Formaten bedroht sahen. Trotz dieser und weiterer Proteste setzen sich Kanons, Regeln, Standards und Normen bis heute immer stärker durch.

Pünktlich zum 100jährigen Jubiläum der DIN A4 Norm am 18. August 2022 legt die Gesellschaft für Designgeschichte ihren Tagungsband „Raster, Regeln, Ratio. Systematiken und Normungen im Design des 20. Jahrhunderts“ im Verlag avedition vor. Er versammelt die Beiträge zur Jahrestagung 2021 an der FH Aachen. Die Beiträge diskutieren die historischen Auswirkungen von Rastern, Regeln und Normungen auf die visuelle Kommunikation, die Architektur sowie die Dingwelt vom Werkbundstreit bis zum Design von Computern und Internetseiten.

Einführend werden der lange Weg vom sogenannten Weltformat bis hin zur Papierformatnormung von Melanie Kurz nachgezeichnet und die Gründe für den weltumspannenden Erfolg der DIN-A Formatreihe erläutert. Daran anschließend nimmt Anke Blümm den Begriff der Rationalisierung in den Blick und beleuchtet ihn aus internationaler Perspektive. Vor dem Hintergrund von Raster und Ordnungssystemen im Grafikdesign berichtet Jonas Deuter über die Entwurfsprinzipien des Schweizer Grafikdesigners Karl Gerstner (Agentur GGK). Rudolf Paulus Gorbach spannt den Bogen über weite Teile der Historie von grafischen Proportions- und Rastersystemen und führt dabei auch ganz neue Konzepte des Ordnens von Information an.
Drei Aufsätze gehen näher auf den Menschen als Maßstab und Modell ein. Ernst Neuferts bekannte Bauentwurfslehre, deren Entstehung und die darin enthaltenen Maßverhältnisse stehen im Fokus von Michael Siebenbrodts Artikel. Klaus Klemp lenkt die Aufmerksamkeit auf Raster und Modulsysteme im Möbeldesign, wobei er eine Fülle von Beispielen aus Ost und West heranzieht. Die Entstehung der „Kieler Puppe“ in ihrer Funktion als normiertes Menschenbild (DIN 33408) und ihre Rolle im Automobildesign und der Auslegung von Arbeitsplätzen bilden den Schwerpunkt des Beitrags von Kilian Steiner. Von Standardisierung in der Informationstechnologie handelt ein weiterer Themenblock. Zunächst werden von Thilo Schwer unter dem Titel „Standard + Bricolage = Innovation?“ Entwicklungen der Computerhardware anhand designhistorischer Topoi wie dem Systemdesign oder dem offenen Prinzip reflektiert. Im Anschluss daran führt Sebastian Randerath in die Designgeschichte des CSS-Formates bei der Webseitenerstellung ein und zeigt die Besonderheit dynamischer Raster auf.

Abschließend richtet sich der der Blick auf Räume – genauer: auf Wohn- und Ausstellungssituationen. Hierzu widmet sich Linus Rapp der Professionalisierung im Bereich Ausstellungsgestaltung und dem Einfluss der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Im Zentrum der Erörterungen von Silke Haps stehen der Verbundwerkstoff Platal des Stahlunternehmens Hoesch und das ökonomische Scheitern von Stahlhäusern im genormten Fertighausbau.

 

Portrait Kilian Steiner
Kilian Steiner (Foto: LÉROT)

Dr. Kilian Steiner promovierte im Fach Technik- und Unternehmensgeschichte an der LMU und TU München. Nach Tätigkeiten als Unternehmenshistoriker und PR Berater arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Deutschen Museums. Hier setzte er sich u. a. mit Fragen der Technikgestaltung und Ergonomie auseinander, bevor er 2008 als PR Manager International zum Unterhaltungselektronikhersteller Loewe wechselte. Seit 2014 verantwortet er als Leiter Öffentlichkeitsarbeit die Öffentlichkeitsarbeit von bayern design und der Munich Creative Business Week (MCBW). Er ist u. a. Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Designgeschichte e.V. und engagiert sich ehrenamtlich im Ausschuss für Kommunikation und Medien der Industrie- und Handelskammer Nürnberg für Mittelfranken.