2. Mai 2022

Pla­gia­ri­us 2022

Pro­dukt- und Markenpiratierie

Pro­dukt- und Mar­ken­pi­ra­te­rie ist eine ernst­haf­te Bedro­hung für Wirt­schaft und Verbraucher*innen. Und ein lukra­ti­ves Mil­li­ar­den­ge­schäft. Die Akti­on Pla­gia­ri­us hat am 25. April 2022 zum 46. Mal ihren gefürch­te­ten Nega­tiv­preis „Pla­gia­ri­us“ an Hersteller*innen und Händler*innen beson­ders dreis­ter Pla­gia­te und Fäl­schun­gen vergeben.
Aus­ge­strahlt wur­de die vir­tu­el­le Preis­ver­lei­hung und Pres­se­kon­fe­renz aus dem Patent- und Mar­ken­zen­trum Baden-Würt­tem­berg in Stutt­gart. Ter­min und Ort wur­den bewusst gewählt, um die Auf­merk­sam­keit auf den jähr­lich am 26. April statt­fin­den­den „Welt­tag des geis­ti­gen Eigen­tums“ zu len­ken. In ihrer Rede beton­te die dies­jäh­ri­ge Lau­da­to­rin, Dr. Nico­le Hoff­meis­ter-Kraut, Minis­te­rin für Wirt­schaft, Arbeit und Tou­ris­mus des Lan­des Baden-Würt­tem­berg, die her­aus­ra­gen­de Bedeu­tung von geis­ti­gem Eigen­tum für die Siche­rung von Arbeits­plät­zen, Wohl­stand und Wettbewerbsfähigkeit.
Die Aus­zeich­nung mit dem „Pla­gia­ri­us“ sagt nichts dar­über aus, ob das nach­ge­mach­te Pro­dukt im juris­ti­schen Sin­ne erlaubt oder rechts­wid­rig ist. Ziel der Akti­on Pla­gia­ri­us ist viel­mehr, die frag­wür­di­gen – und teils kri­mi­nel­len – Geschäfts­me­tho­den von Pro­dukt- und Mar­ken­pi­ra­ten ins öffent­li­che Bewusst­sein zu rücken, und Indus­trie, Poli­tik und Ver­brau­cher für die Pro­ble­ma­tik zu sen­si­bi­li­sie­ren. Bevor die jähr­lich wech­seln­de Jury die Preisträger*innen wählt, wer­den die ver­meint­li­chen Plagiator*innen über ihre Nomi­nie­rung infor­miert und erhal­ten die Mög­lich­keit zur Stel­lung­nah­me. Der Jury geht es nicht dar­um, lega­le Wett­be­werbs­pro­duk­te zu brand­mar­ken, son­dern einen kri­ti­schen Blick auf plum­pe 1:1 Nach­ah­mun­gen zu rich­ten, die dem Ori­gi­nal­pro­dukt bewusst zum Ver­wech­seln ähn­lich sehen und die kei­ner­lei krea­ti­ve oder kon­struk­ti­ve Eigen­leis­tung auf­wei­sen. Die Tro­phäe des Schmäh­prei­ses ist ein schwar­zer Zwerg mit gol­de­ner Nase. Letz­te­re sym­bo­li­siert die immensen Pro­fi­te, die ideen­lo­se Nachahmer*innen sprich­wört­lich auf Kos­ten von Krea­ti­ven und inno­va­ti­ven Unter­neh­men erwirt­schaf­ten. Pla­gia­te sind kein Kavaliersdelikt.

Die dreis­tes­ten Pla­gia­te 2022

 

1. Preis: Besteck-Set „KLIKK“ (3‑teilig) – ver­kauft im Rah­men einer Promotion-Aktion
Ori­gi­nal: kozi­ol »ide­as for friends GmbH, Erbach, Deutschland
Pla­gi­at: Ver­trieb: Are Media Pty Ltd., Syd­ney NSW, Australien
Her­stel­lung: VR China
Kom­pakt. Cle­ver. Nach­hal­tig. Was auf den ers­ten Blick so ein­fach wirkt, ist in der Fein­kon­struk­ti­on äußerst kom­plex. Das design­prä­mier­te Mehr­weg-Besteck-Set KLIKK begeis­tert durch die intel­li­gen­te Steck­ver­bin­dung sowie einem nach­hal­ti­gen Mate­ri­al- und Fer­ti­gungs­kon­zept. Aus­tra­li­ens ‚lea­ding pre­mi­um‘ Ver­lags-haus für Frau­en­ma­ga­zi­ne setz­te ein sehr min­der­wer­ti­ges Pla­gi­at des Bestecks im Rah­men einer Loyal­ty­kam­pa­gne ein. So sehr man bei der Optik auf haar­ge­naue Über­ein­stim­mung ach­te­te, so wenig wur­de Wert auf Halt­bar­keit gelegt. Das Pla­gi­at ist aus unge­eig­ne­tem Kunst­stoff pro­du­ziert, der sich nach kür­zes­ter Zeit ver­formt und damit das Besteck nach weni­gen Ein­sät­zen völ­lig unbrauch­bar macht. Dar­über kann auch der nied­ri­ge Preis – ca. ein Drit­tel des Ori­gi­nal­prei­ses – nicht hinwegtrösten.

2. Preis: Druck­mess­ge­rät (Ein­satz: in che­mi­schen und ver­fah­rens­tech­ni­schen Prozessen)
Ori­gi­nal: WIKA Alex­an­der Wie­gand SE & Co. KG, Klin­gen­berg, Deutschland
Fäl­schung: Ver­trieb: Abdul­lah Cor­po­ra­ti­on, Dha­ka, Bangladesch
(Druck-)Messgeräte sind u.a. essen­ti­ell im Maschi­nen­bau, in der Auto­ma­ti­sie­rung, der Lebens­mit­tel- und Phar­ma­in­dus­trie sowie in che­mi­schen und ver­fah­rens­tech­ni­schen Pro­zes­sen. WIKA-Pro­duk­te ste­hen für Prä­zi­si­on, Qua­li­tät und Sicher­heit; auch bei extre­men Tem­pe­ra­tu­ren oder in hoch­ag­gres­si­ven Medi­en. Die min­der­wer­ti­gen Mar­ken­fäl­schun­gen aus Süd­ost­asi­en sind weder zuver­läs­sig prä­zi­se, noch robust gegen Erschüt­te­run­gen. Die­ser Fäl­scher miss­braucht nicht nur die welt­weit geschütz­te Mar­ke „WIKA“, er täuscht zusätz­lich die Käufer*innen mit „Made in Ger­ma­ny“ über die wah­re Her­kunft. CT-Unter­su­chun­gen von Klos­ter­mann 3D Mess­tech­nik offen­ba­ren bei der Fäl­schung u.a. eine zu klei­ne Mess­fe­der und feh­len­de Fein­jus­tie­rungs­mög­lich­kei­ten, so dass die dekla­rier­te Mess­ge­nau­ig­keit – Klas­se 1,0 nach EN837‑1 – nicht erreicht wer­den kann. Das Gefah­ren­po­ten­ti­al bei falsch regu­lier­tem Druck ist hoch, die Fol­ge­kos­ten eben­so. Des­we­gen geht WIKA stets ent­schie­den gegen Fäl­schun­gen vor.

3. Preis: Zwei­rei­hi­ges „INA“-Axial-Schrägkugellager (Genau­ig­keits­la­ger für Gewindetriebe)
Ori­gi­nal: Scha­eff­ler Tech­no­lo­gies AG & Co. KG, Her­zo­gen­au­rach, Deutschland
Fäl­schung: GIANT Bea­ring Co., Ltd., Jiangsu, VR China
GIANT kopiert und fälscht scham­los alles: Von Pro­duk­ten, Ver­pa­ckun­gen und den Mar­ken­na­men renom­mier­ter Her­stel­len­den wie Scha­eff­ler, über Händ­ler­zer­ti­fi­ka­te bis hin zu Data Matrix Codes und Bank­be­stä­ti­gun­gen. Alles, bis auf die Pro­dukt­qua­li­tät. Dabei spie­len Prä­zi­si­on und Zuver­läs­sig­keit eine enor­me Rol­le bei Pro­duk­ten, die u.a. in Werk­zeug­ma­schi­nen ein­ge­setzt wer­den. 3D Scan­ning von Klos­ter­mann 3D Mess­tech­nik zeigt erheb­li­che Abwei­chun­gen in der Maß­hal­tig­keit und Fer­ti­gungs­qua­li­tät, mit unvor­her­seh­ba­ren Fol­gen je nach Ein­bau­si­tua­ti­on. Der Scha­den liegt nicht nur bei Scha­eff­ler, son­dern auch bei Händler*innen, die für die min­der­wer­ti­ge Qua­li­tät haf­ten, und bei Kund*innen, die die Kon­se­quen­zen für Mensch und Maschi­ne (er)tragen müs­sen. Scha­eff­ler schützt und ver­tei­digt sein geis­ti­ges Eigen­tum daher welt­weit sehr konsequent.

Durch die Pan­de­mie, so die Ausrichter*innen des Nega­tiv­prei­ses, wird das Pro­blem zusätz­lich befeu­ert. Laut Euro­pol wer­den gefälsch­te Pro­duk­te zuneh­mend über eCom­mer­ce-Platt­for­men, sozia­le Medi­en und Instant-Messaging-Diens­te bewor­ben und ver­trie­ben. Alar­mie­rend: Die Skru­pel­lo­sig­keit, mit der Fäl­scher immer häu­fi­ger extrem min­der­wer­ti­ge Fäl­schun­gen anbie­ten, die Gesund­heit oder Leben der Nut­zer gefähr­den. Die Struk­tur der Täter*innen reicht von ideen­lo­sen Mitbewerber*innen über pro­fes­sio­nell orga­ni­sier­te Fäl­scher­ban­den bis zur orga­ni­sier­ten Kri­mi­na­li­tät. Die Schä­den, die Fäl­schun­gen bei Käufer*innen und inno­va­ti­ven Hersteller*innen ver­ur­sa­chen, sind mas­siv. Es ist essen­ti­ell, krea­ti­ve Ideen und Know-how zu för­dern und zu schützen.

Eine Bild­stre­cke aller aus­ge­zeich­ne­ten Fäl­schun­gen sowie die Auf­zeich­nung einer vir­tu­el­len Podi­ums­dis­kus­si­on „Fäl­scher aus­brem­sen – Bekämp­fung von Pro­dukt­pi­ra­te­rie und Geld­wä­sche“ sind auf der Web­site der Akti­on Pla­gia­ri­us e.V. zu sehen. Dar­über hin­aus zeigt das Muse­um Pla­gia­ri­us in sei­ner ein­zig­ar­ti­gen Aus­stel­lung mehr als 350 Pla­gia­ri­us-Preis­trä­ger der unter­schied­lichs­ten Bran­chen – jeweils Ori­gi­nal und Pla­gi­at im direk­ten Vergleich.