1. Juli 2026

Zwi­schen Tablet und Teller 

Die Food-Designerin Marije Vogelzang

„Mit Essen spielt man nicht“ – die­ser Satz klingt vie­len wohl noch aus der Kind­heit im Ohr. War­um eigent­lich nicht? Steckt im Essen nicht so unglaub­lich viel Krea­ti­ves, Ver­bin­den­des und Lust­vol­les? Wir spra­chen mit der nie­der­län­di­schen Food-Desi­gne­rin Mari­je Vogel­zang, die in ihrem Vor­trag auf dem Design Sum­mit der mcbw ver­deut­lich­te, dass Essen der ein­fachs­te Weg ist, sein Leben zu verändern. 

 

Bet­ti­na Schulz: Als Pio­nie­rin auf dei­nem Gebiet: Wie oft muss­test du schon erklä­ren, wor­um es bei dei­ner Design­ar­beit geht? 

Mari­je Vogel­zang: Fast immer! Auch wenn es immer leich­ter wird, denn vie­le wis­sen zwar immer noch nicht, was Food-Design ist, aber sie wis­sen, dass Essen etwas Wich­ti­ges ist, um das wir uns küm­mern müs­sen. Und sie ahnen, dass es etwas ist, das in Zukunft viel­leicht anders aus­se­hen wird.

Wann wur­de dir bewusst, dass Essen mehr sein kann als nur Ernäh­rung – und Design mehr als nur die Gestal­tung von Gegenständen? 

Als ich mein ers­tes Pro­jekt mit Essen rea­li­sier­te – ein Begräb­nis­es­sen in Weiß –, wur­de mir bewusst, dass mein Design in die Kör­per ande­rer Men­schen gelang­te. Das fin­de ich nach wie vor fas­zi­nie­rend. Als Design­stu­den­tin in den neun­zi­ger Jah­ren an der Design Aca­de­my Eind­ho­ven war ich sicher­lich von der Droog-Design-Idee beein­flusst, dass Design nicht unbe­dingt ein Pro­dukt sein muss, son­dern eine Dienst­leis­tung, eine Cho­reo­gra­fie oder eben Essen sein kann.

Was sind die grund­le­gends­ten Par­al­le­len zwi­schen Design und Essen? 

Mei­ner Mei­nung nach soll Design Licht auf etwas Unsicht­ba­res wer­fen, damit es sicht­bar wird. Aber Design ist auch dazu da, das Leben zu berei­chern. Essen ist so unschein­bar und all­täg­lich – was an sich schon sehr selt­sam ist –, dass wir sei­ne Prä­senz, sei­ne Eigen­schaf­ten und sei­nen Ein­fluss auf uns nicht wirk­lich wahr­neh­men. Design kann eben­falls Ein­fluss neh­men, ohne bemerkt zu wer­den. Inso­fern gibt es eine Parallele.

Inwie­weit nimmt Design Ein­fluss auf unse­re Ernäh­rung und kann es unse­re Bezie­hung zum Essen tat­säch­lich verändern? 

Design kann unse­re Bezie­hung zum Essen defi­ni­tiv ver­än­dern. Und das soll­te es auch. Essen ist der wesent­lichs­te und wich­tigs­te Aspekt des Mensch­seins und wur­de schon immer gestal­tet. Von oran­ge­far­be­nen Karot­ten über kom­plet­te Gerich­te bis zu der Fra­ge, wer was isst. Meis­tens geht es gar nicht um das Essen, son­dern um den essen­den Menschen.

Kann Food-Design auch eine Art Gesund­heits­vor­sor­ge sein? 

Essen kann Gesund­heits­vor­sor­ge sein, denn es kann sowohl gesund als auch krank machen. Es hat eine Wirk­kraft, die weit über jedes ande­re Design­ma­te­ri­al hin­aus­geht. Design im Zusam­men­hang mit Essen ein­zu­set­zen, ist also äußerst wir­kungs­voll, da es den Kern des­sen trifft, was und wer wir sind. Es macht uns demütig.

Die Ess­kul­tur scheint in unse­rer schnell­le­bi­gen Zeit ohne­hin zu lei­den. Wel­che Gegen­be­we­gun­gen beob­ach­test du?

Eine lei­den­de Ess­kul­tur schafft zugleich Raum für neue Sicht­wei­sen, neue Lebens­mit­tel und neue Gewohn­hei­ten. Manch­mal passt unser Lebens­stil nicht mehr zu alten Über­zeu­gun­gen und Gewohn­hei­ten. Es mag im Moment chao­tisch sein, aber manch­mal braucht es das Cha­os, damit sich alle ein­zel­nen Tei­le bewe­gen und auf eine nütz­li­che­re Wei­se neu jus­tie­ren können.

Vor eini­gen Jah­ren hast du zwei expe­ri­men­tel­le Restau­rants betrie­ben. Hast du aus die­ser prak­ti­schen Anwen­dung Erkennt­nis­se für dei­ne For­schung gewonnen? 

Oh ja, ich habe vie­le Ein­bli­cke gewon­nen. Vor allem stell­te ich fest, dass es beim Essen nicht um das Essen selbst geht, son­dern um den essen­den Men­schen. Und die­ser essen­de Mensch steckt vol­ler irra­tio­na­ler Erwar­tun­gen, Über­zeu­gun­gen und Emo­tio­nen, die wie­der­um das Erleb­nis des Essens prä­gen. Erwar­tungs­ma­nage­ment ist defi­ni­tiv etwas, wor­über jede:r Designer:in mehr ler­nen soll­te. Und auch, dass es leicht ist, über Design­vi­sio­nen zu spre­chen, ohne tat­säch­lich die har­te Arbeit der Umset­zung zu leisten.

Du lei­test auch Kur­se und Work­shops: Ver­lau­fen die­se manch­mal auf­grund der Bei­trä­ge der Teil­neh­men­den über­ra­schend anders als geplant? Oder sind wir uns eigent­lich alle sehr ähn­lich, wenn es um Essen und unse­re Wahr­neh­mung davon geht? 

Ich pla­ne in mei­nen Work­shops und Kur­sen immer viel Zeit für per­sön­li­che Erfah­run­gen und Ent­wick­lun­gen der Teil­neh­men­den ein. Das bedeu­tet zugleich, los­zu­las­sen und mei­ne Ideen ande­ren nicht auf­zu­zwin­gen. Das schafft Raum für Über­ra­schun­gen und Stau­nen. Natür­lich sehe ich nach min­des­tens zwan­zig Jah­ren Lehr­tä­tig­keit häu­fig ähn­li­che Ideen, aber wir ver­su­chen immer, tie­fer zu gra­ben. Das Span­nen­de dar­an ist, dass es beim Essen unend­lich viel zu ent­de­cken gibt.

Das The­ma der dies­jäh­ri­gen mcbw lau­tet „Play­ground of Pos­si­bi­li­ties“. Wie wich­tig ist es ange­sichts all der Design­kom­pe­tenz, einen spie­le­ri­schen Ansatz zuzu­las­sen, um inno­va­tiv zu sein? 

Mein neu­er Design­raum in den Nie­der­lan­den heißt „Food Design Play­ground“. Viel­leicht gibt das schon die Ant­wort (lacht). Ich glau­be fest an das Spiel – an sei­ne Anzie­hungs­kraft und Bedeu­tung. Beson­ders in der heu­ti­gen Welt, in der die Men­schen das Gefühl haben, dass alles einem Zweck die­nen muss. Ich habe tat­säch­lich das Gefühl, in mei­nem Food Design Play­ground, einem 900 Qua­drat­me­ter gro­ßen monu­men­ta­len Gebäu­de, zu spielen.

Dabei ist das Spiel nicht nur der Aus­gangs­punkt, son­dern eine Mög­lich­keit, Men­schen dazu zu brin­gen, Din­ge anders zu sehen. In mei­nem Fall, Essen auf neue Wei­se zu erle­ben. Inso­fern begrei­fe ich das Spiel nicht als Infan­ti­li­sie­rung, son­dern als ernst­haf­te Form der Verbindung.

Was war die wich­tigs­te Bot­schaft, die du dem mcbw-Publi­kum mit­ge­ben wolltest? 

Die wich­tigs­te Bot­schaft ist, dass es beim Essen nicht nur um Essen geht, dass das Spiel uner­läss­lich ist und dass Fan­ta­sie und Essen der ein­fachs­te Weg sind, sein Leben zu verändern.

Und zu guter Letzt: Was isst du selbst am liebs­ten und in wel­cher Form? 

Ich esse am liebs­ten mit den Hän­den, zusam­men mit Men­schen, mit denen ich lachen kann.

 

Das Inter­view wur­de im Auf­trag von bay­ern design geführt.

Mari­je Vogel­zang ist eine Pio­nie­rin der inter­na­tio­na­len Food Design-Sze­ne. Bereits Ende der neun­zi­ger Jah­re beschäf­tig­te sie sich an der Design Aca­de­my Eind­ho­ven mit der Ver­bin­dung von Essen, Gestal­tung und sozia­ler Inter­ak­ti­on. 2000 grün­de­te sie ihr eige­nes Stu­dio für Food Design und ent­wi­ckel­te welt­weit kuli­na­ri­sche Kon­zep­te und expe­ri­men­tel­le For­ma­te. Es folg­te die Grün­dung zwei­er eige­ner Restau­rants in Rot­ter­dam und Ams­ter­dam, die als expe­ri­men­tel­le Orte für Food Design und Kuli­na­rik dien­ten. 2014 über­nahm sie an der Design Aca­de­my Eind­ho­ven die Lei­tung des neu gegrün­de­ten Depart­ments Food Non-Food, das heu­te unter dem Namen Stu­dio Living Mat­ter fir­miert. Mit der Grün­dung des Dutch Insti­tu­te of Food and Design im Jahr 2016 schuf Vogel­zang zudem eine inter­na­tio­na­le Platt­form an der Schnitt­stel­le von Food, Design und Zukunfts­for­schung. Dort initi­ier­te sie auch den welt­weit ers­ten Food-Design-Preis, den Future Food Design Award. In Work­shops, Vor­trä­gen und kol­la­bo­ra­ti­ven For­ma­ten ver­mit­telt sie zudem krea­ti­ve Metho­den, die Men­schen dazu anre­gen sol­len, ihre gestal­te­ri­schen Fähig­kei­ten bewuss­ter ein­zu­set­zen und neue Per­spek­ti­ven auf Nah­rung, Ritua­le und Zusam­men­le­ben zu entwickeln.

Mari­je Vogel­zang war Spre­che­rin auf dem mcbw design sum­mit 2026.

Fotos Play­ground und Bean Fes­ti­val: Dai­sy Tuinder
Alle ande­ren Fotos: Stu­dio Mari­je Vogelzang

Über die Autorin:

Portraitbild der Autorin Bettina Schulz
Bet­ti­na Schulz

Bet­ti­na Schulz ist freie Tex­te­rin und Desi­gn­jour­na­lis­tin in Mün­chen. Über 18 Jah­re lang präg­te sie als Chef­re­dak­teu­rin das inter­na­tio­na­le Design­ma­ga­zin novum World of Gra­phic Design, bevor sie 2019 ihr eige­nes Redak­ti­ons­bü­ro grün­de­te. 2006 initi­ier­te sie mit ihrem Redak­ti­ons­team die Crea­ti­ve Paper Con­fe­rence. Heu­te ent­wi­ckelt sie Kun­den­ma­ga­zi­ne, schreibt für ver­schie­de­ne Maga­zi­ne und Agen­tu­ren und betreut Blogs sowie Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on für Kun­den aus unter­schied­li­chen Bran­chen. Dar­über hin­aus ist Bet­ti­na Schulz Juro­rin bei zahl­rei­chen Design­wett­be­wer­ben und im Bera­tungs­bei­rat der Müns­ter School of Design, FH Münster.