„Mit Essen spielt man nicht“ – dieser Satz klingt vielen wohl noch aus der Kindheit im Ohr. Warum eigentlich nicht? Steckt im Essen nicht so unglaublich viel Kreatives, Verbindendes und Lustvolles? Wir sprachen mit der niederländischen Food-Designerin Marije Vogelzang, die in ihrem Vortrag auf dem Design Summit der mcbw verdeutlichte, dass Essen der einfachste Weg ist, sein Leben zu verändern.
Bettina Schulz: Als Pionierin auf deinem Gebiet: Wie oft musstest du schon erklären, worum es bei deiner Designarbeit geht?
Marije Vogelzang: Fast immer! Auch wenn es immer leichter wird, denn viele wissen zwar immer noch nicht, was Food-Design ist, aber sie wissen, dass Essen etwas Wichtiges ist, um das wir uns kümmern müssen. Und sie ahnen, dass es etwas ist, das in Zukunft vielleicht anders aussehen wird.
Wann wurde dir bewusst, dass Essen mehr sein kann als nur Ernährung – und Design mehr als nur die Gestaltung von Gegenständen?
Als ich mein erstes Projekt mit Essen realisierte – ein Begräbnisessen in Weiß –, wurde mir bewusst, dass mein Design in die Körper anderer Menschen gelangte. Das finde ich nach wie vor faszinierend. Als Designstudentin in den neunziger Jahren an der Design Academy Eindhoven war ich sicherlich von der Droog-Design-Idee beeinflusst, dass Design nicht unbedingt ein Produkt sein muss, sondern eine Dienstleistung, eine Choreografie oder eben Essen sein kann.
Was sind die grundlegendsten Parallelen zwischen Design und Essen?
Meiner Meinung nach soll Design Licht auf etwas Unsichtbares werfen, damit es sichtbar wird. Aber Design ist auch dazu da, das Leben zu bereichern. Essen ist so unscheinbar und alltäglich – was an sich schon sehr seltsam ist –, dass wir seine Präsenz, seine Eigenschaften und seinen Einfluss auf uns nicht wirklich wahrnehmen. Design kann ebenfalls Einfluss nehmen, ohne bemerkt zu werden. Insofern gibt es eine Parallele.
Inwieweit nimmt Design Einfluss auf unsere Ernährung und kann es unsere Beziehung zum Essen tatsächlich verändern?
Design kann unsere Beziehung zum Essen definitiv verändern. Und das sollte es auch. Essen ist der wesentlichste und wichtigste Aspekt des Menschseins und wurde schon immer gestaltet. Von orangefarbenen Karotten über komplette Gerichte bis zu der Frage, wer was isst. Meistens geht es gar nicht um das Essen, sondern um den essenden Menschen.
Kann Food-Design auch eine Art Gesundheitsvorsorge sein?
Essen kann Gesundheitsvorsorge sein, denn es kann sowohl gesund als auch krank machen. Es hat eine Wirkkraft, die weit über jedes andere Designmaterial hinausgeht. Design im Zusammenhang mit Essen einzusetzen, ist also äußerst wirkungsvoll, da es den Kern dessen trifft, was und wer wir sind. Es macht uns demütig.
Die Esskultur scheint in unserer schnelllebigen Zeit ohnehin zu leiden. Welche Gegenbewegungen beobachtest du?
Eine leidende Esskultur schafft zugleich Raum für neue Sichtweisen, neue Lebensmittel und neue Gewohnheiten. Manchmal passt unser Lebensstil nicht mehr zu alten Überzeugungen und Gewohnheiten. Es mag im Moment chaotisch sein, aber manchmal braucht es das Chaos, damit sich alle einzelnen Teile bewegen und auf eine nützlichere Weise neu justieren können.
Vor einigen Jahren hast du zwei experimentelle Restaurants betrieben. Hast du aus dieser praktischen Anwendung Erkenntnisse für deine Forschung gewonnen?
Oh ja, ich habe viele Einblicke gewonnen. Vor allem stellte ich fest, dass es beim Essen nicht um das Essen selbst geht, sondern um den essenden Menschen. Und dieser essende Mensch steckt voller irrationaler Erwartungen, Überzeugungen und Emotionen, die wiederum das Erlebnis des Essens prägen. Erwartungsmanagement ist definitiv etwas, worüber jede:r Designer:in mehr lernen sollte. Und auch, dass es leicht ist, über Designvisionen zu sprechen, ohne tatsächlich die harte Arbeit der Umsetzung zu leisten.
Du leitest auch Kurse und Workshops: Verlaufen diese manchmal aufgrund der Beiträge der Teilnehmenden überraschend anders als geplant? Oder sind wir uns eigentlich alle sehr ähnlich, wenn es um Essen und unsere Wahrnehmung davon geht?
Ich plane in meinen Workshops und Kursen immer viel Zeit für persönliche Erfahrungen und Entwicklungen der Teilnehmenden ein. Das bedeutet zugleich, loszulassen und meine Ideen anderen nicht aufzuzwingen. Das schafft Raum für Überraschungen und Staunen. Natürlich sehe ich nach mindestens zwanzig Jahren Lehrtätigkeit häufig ähnliche Ideen, aber wir versuchen immer, tiefer zu graben. Das Spannende daran ist, dass es beim Essen unendlich viel zu entdecken gibt.
Das Thema der diesjährigen mcbw lautet „Playground of Possibilities“. Wie wichtig ist es angesichts all der Designkompetenz, einen spielerischen Ansatz zuzulassen, um innovativ zu sein?
Mein neuer Designraum in den Niederlanden heißt „Food Design Playground“. Vielleicht gibt das schon die Antwort (lacht). Ich glaube fest an das Spiel – an seine Anziehungskraft und Bedeutung. Besonders in der heutigen Welt, in der die Menschen das Gefühl haben, dass alles einem Zweck dienen muss. Ich habe tatsächlich das Gefühl, in meinem Food Design Playground, einem 900 Quadratmeter großen monumentalen Gebäude, zu spielen.
Dabei ist das Spiel nicht nur der Ausgangspunkt, sondern eine Möglichkeit, Menschen dazu zu bringen, Dinge anders zu sehen. In meinem Fall, Essen auf neue Weise zu erleben. Insofern begreife ich das Spiel nicht als Infantilisierung, sondern als ernsthafte Form der Verbindung.
Was war die wichtigste Botschaft, die du dem mcbw-Publikum mitgeben wolltest?
Die wichtigste Botschaft ist, dass es beim Essen nicht nur um Essen geht, dass das Spiel unerlässlich ist und dass Fantasie und Essen der einfachste Weg sind, sein Leben zu verändern.
Und zu guter Letzt: Was isst du selbst am liebsten und in welcher Form?
Ich esse am liebsten mit den Händen, zusammen mit Menschen, mit denen ich lachen kann.
Das Interview wurde im Auftrag von bayern design geführt.
Marije Vogelzang ist eine Pionierin der internationalen Food Design-Szene. Bereits Ende der neunziger Jahre beschäftigte sie sich an der Design Academy Eindhoven mit der Verbindung von Essen, Gestaltung und sozialer Interaktion. 2000 gründete sie ihr eigenes Studio für Food Design und entwickelte weltweit kulinarische Konzepte und experimentelle Formate. Es folgte die Gründung zweier eigener Restaurants in Rotterdam und Amsterdam, die als experimentelle Orte für Food Design und Kulinarik dienten. 2014 übernahm sie an der Design Academy Eindhoven die Leitung des neu gegründeten Departments Food Non-Food, das heute unter dem Namen Studio Living Matter firmiert. Mit der Gründung des Dutch Institute of Food and Design im Jahr 2016 schuf Vogelzang zudem eine internationale Plattform an der Schnittstelle von Food, Design und Zukunftsforschung. Dort initiierte sie auch den weltweit ersten Food-Design-Preis, den Future Food Design Award. In Workshops, Vorträgen und kollaborativen Formaten vermittelt sie zudem kreative Methoden, die Menschen dazu anregen sollen, ihre gestalterischen Fähigkeiten bewusster einzusetzen und neue Perspektiven auf Nahrung, Rituale und Zusammenleben zu entwickeln.
Marije Vogelzang war Sprecherin auf dem mcbw design summit 2026.
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