1. September 2026

Wir kön­nen Zukunft – zei­gen es aber nicht richtig

Beitrag von Irmgard Hesse

Die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft steht unter wach­sen­dem Druck und bringt zugleich zen­tra­le Zukunfts­kom­pe­ten­zen mit: Krea­ti­vi­tät, Neu­gier und Trans­for­ma­ti­ons­kraft. Doch ihr Wert bleibt oft unsicht­bar, gera­de in wirt­schaft­lich schwie­ri­gen Zei­ten. 5 (un)bequeme Wahr­hei­ten – und 5 kon­kre­te Vor­schlä­ge für Bran­che, Poli­tik und Wirt­schaft, um unse­re unter­neh­me­ri­schen Poten­zia­le sicht­ba­rer zu machen und bes­ser zu nutzen.

von Irm­gard Hes­se, CEO, Zei­chen & Wun­der & Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Designtags

Die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft ver­fügt über genau jene Kom­pe­ten­zen, die für Trans­for­ma­ti­on und Inno­va­ti­on heu­te ent­schei­dend sind. Gera­de in wirt­schaft­lich her­aus­for­dern­den Zei­ten gilt es, den Wert von Krea­ti­vi­tät, Design und unter­neh­me­ri­schem Den­ken sicht­ba­rer zu machen. Irm­gard Hes­se die Geschäfts­füh­re­rin der Design­agen­tur Zei­chen & Wun­der sowie die Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Design­tags zeigt in 5 (un)bequemen Wahr­hei­ten und 5 kon­kre­ten Vor­schlä­gen auf, wie Bran­che, Poli­tik und Wirt­schaft die­ses Poten­zi­al künf­tig bes­ser nut­zen können.

1. Wahr­heit: Neu­gier und Krea­ti­vi­tät sind die Roh­stof­fe unse­rer Zeit

Inno­va­ti­ons­kraft wird bran­chen­über­grei­fend hän­de­rin­gend gesucht. „Trans­for­ma­ti­on“ ist eines der popu­lä­ren Schlag­wor­te unse­re Zeit. Denn die Wirt­schaft in Deutsch­land gilt als zu sta­tisch, wenig wan­del­fä­hig und auf ver­al­te­ten Mus­tern und Tech­ni­ken ver­har­rend. Durch die Glo­ba­li­sie­rung mit ihren welt­weit unter­schied­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen sind bereits Tei­le der indus­tri­el­len Pro­duk­ti­on abge­wan­dert. Es ist ent­schei­dend, sich auf die Roh­stof­fe einer Wis­sens­ge­sell­schaft zu besin­nen. Drin­gend gesucht sind ori­gi­nel­le Ideen, „Out oft the Box“-Denken, neue Blick­win­kel und unor­tho­do­xe Per­spek­ti­ven. Und das sind genau die Kern­kom­pe­ten­zen, die die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft mit ihren rund zwei Mil­lio­nen Erwerbs­tä­ti­gen aus­zeich­net. Als Unter­neh­me­rin, aber auch als Ver­tre­te­rin der Design­wirt­schaft kann ich das exem­pla­risch an mei­ner Bran­che fest­ma­chen, den­ke aber, dass das ähn­lich auch für ande­re Berei­che der Krea­tiv- und Kul­tur­wirt­schaft gilt.

Vor­schlag: Mit über 200 Mil­li­ar­den Euro Umsatz ist die Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft ein gro­ßer Play­er – aber an vie­len Stel­len feh­len grund­sätz­li­che Daten und Zah­len, die den Wert von krea­ti­vem Den­ken und Han­deln dif­fe­ren­ziert bele­gen und die wirt­schaft­li­che Bedeu­tung von ein­ge­setz­ten Krea­tiv­stun­den belegen.

2. Wahr­heit: Krea­ti­ve: Bit­te erwach­sen werden

Lie­be Krea­ti­ve, bit­te auf­wa­chen und das Heft des Han­delns selbst in die Hand neh­men! Ganz klar, aktu­ell herrscht eine anspruchs­vol­le Gesamt­ge­menge­la­ge. Die Krea­tiv­bran­che steht unter enor­men wirt­schaft­li­chen Druck, zusätz­lich ange­heizt durch den immer brei­te­ren Ein­satz von KI und einem damit ein­her­ge­hen­den Ver­fall des Werts von vie­len eta­blier­ten Krea­tiv­leis­tun­gen. Aber anstatt zu lamen­tie­ren, soll­te unse­re Bran­che sich ehr­lich machen und nach den Ursa­chen auch im eige­nen Haus suchen.

Para­dox ist der erstaun­lich gro­ße Gap zwi­schen Selbst- und Fremd­bild – gera­de bei den Kern­kom­pe­ten­zen: Wäh­rend wir Desi­gne­rin­nen und Desi­gner uns Fähig­kei­ten wie zum Bei­spiel „Kom­ple­xi­tät redu­zie­ren“ oder „Ver­än­de­rung empa­thisch ver­mit­teln“ selbst­ver­ständ­lich zuschrei­ben, wer­den die­se in For­schung, Wirt­schaft und Gesell­schaft eher nicht in unse­rer Bran­che gesucht. Lei­der herrscht in Wirt­schaft und Gesell­schaft häu­fig das Bild der „Spiel­kin­der“ vor, als das der seriö­sen, hoch­kom­pe­ten­ten Inno­va­to­rin­nen und Spar­rings­part­ner auf Augen­hö­he. Dabei hat die Krea­tiv­wirt­schaft jede Men­ge unter­neh­me­ri­sche Poten­zia­le und Stär­ken ein­zu­brin­gen. Das wird aber nur gelin­gen, wenn wir uns selbst noch inten­si­ver zum Bei­spiel mit wirt­schaft­li­chen Kenn­zah­len und neu­en Tech­no­lo­gien beschäf­ti­gen und uns als ernst­zu­neh­men­de, berei­chern­de Schnitt­stel­le und Part­ner anbieten.

Vor­schlag: Wir als die füh­ren­den Exper­tin­nen und Exper­ten auf dem Gebiet des Sto­rytel­lings soll­ten am eige­nen Bild in Wirt­schaft, Poli­tik und Gesell­schaft arbei­ten. Es hilft nichts, wenn wir uns selbst groß­ar­tig fin­den. Täg­lich gilt es, die Rele­vanz und den Mehr­wert von krea­ti­vem Den­ken für die Wirt­schaft und die Gesell­schaft nach­zu­wei­sen, zu erklä­ren und selbst­be­wusst ein­zu­brin­gen. Denn Krea­ti­vi­tät und Neu­gier sind kei­ne „Add-ons“, son­dern bil­den die grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung, dass Inno­va­ti­on gedei­hen kann.

Irm­gard Hes­se auf dem Panel beim Krea­tiv­Bund-Kon­gress Zukunft unter­neh­men 2025 – Copy­right: Ale­na Schmick

3. Wahr­heit: Für fai­ren Wettbewerb

Der immer här­te­re Wett­be­werb unter Krea­ti­ven wird von poten­zi­el­len Auf­trag­ge­bern lei­der wie­der ver­stärkt genutzt, um weit­rei­chen­de Leis­tun­gen ohne Bezah­lung als „Vor­leis­tung“ ein­zu­for­dern. Nahe­zu alles scheint erlaubt – und wirt­schaft­li­che Zwän­ge füh­ren dazu, dass eine Soli­da­ri­sie­rung inner­halb der Design­bran­che gegen die­se Prak­ti­ken kaum mög­lich ist. Vie­len Solo-Selbst­stän­di­gen und Agen­tu­ren fehlt schlicht der wirt­schaft­li­che Spiel­raum, um auf die­se Arten des „Ken­nen­ler­nens“ vom Kun­den zu verzichten.

Vor­schlag: Alli­an­zen schmie­den. Anstatt als rei­ne, aus­füh­ren­de Dienst­leis­ter am Ende einer Ket­te zu ste­hen, müs­sen Krea­ti­ve sich von Anfang an als Co-Inno­va­ti­on- und Spar­rings-Part­ner posi­tio­nie­ren. Wir soll­ten dafür sor­gen, dass die eige­ne Leis­tung als Bera­tung mit hohem Nut­zen für unse­re Auf­trag­ge­ber wahr­ge­nom­men wird. Nur durch sicht­ba­re, gemein­sa­me Pilot­pro­jek­te bewei­sen Krea­ti­ve den Wert und die Rele­vanz krea­ti­ven Denkens.

4. Wahr­heit: Design sys­te­ma­tisch ein­be­zie­hen und fördern

Die Desi­gne­rin­nen und Desi­gner ste­hen parat, ihren Teil zur Moder­ni­sie­rung und Stär­kung Deutsch­lands bei­zu­tra­gen. Zu Inno­va­ti­ons­för­de­rung, Büro­kra­tie­ab­bau und zur Sta­bi­li­sie­rung unse­rer Demo­kra­tie kön­nen Krea­tiv­schaf­fen­de viel beitragen.

Es ist an der Zeit, dass Design als stra­te­gi­sches Werk­zeug erkannt und gezielt ein­ge­setzt wird. Denn Design hat die Fähig­keit, Pro­zes­se und Struk­tu­ren ver­ständ­li­cher, nah­ba­rer, trans­pa­ren­ter und effi­zi­en­ter zu machen. Design bringt Klar­heit in kom­ple­xe Struk­tu­ren und spricht Men­schen mit ihren unter­schied­li­chen Bedürf­nis­sen an und hilft so dabei, Bar­rie­ren abzu­bau­en und Par­ti­zi­pa­ti­on und Inklu­si­on zu ermöglichen.

Um an den drän­gen­den The­men unse­rer Zeit sys­te­ma­tisch mit­wir­ken zu kön­nen, ist weit mehr als das Enga­ge­ment ein­zel­ner nötig. Als ver­gleichs­wei­se „jun­ger“ Wirt­schafts­zweig brau­chen wir drin­gend insti­tu­tio­na­li­sier­te, pro­fes­sio­nel­le Platt­for­men, um unser Know-how stär­ker und kon­ti­nu­ier­lich ein­brin­gen zu können.

Vor­schlag: Mög­lich­kei­ten schaf­fen, um über den eige­nen Tel­ler­rand zu bli­cken: Wie Kul­tur- und Krea­tiv­wirt­schaft bes­ser nutz­bar gemacht wird, lässt sich von ande­ren Län­dern wie zum Bei­spiel Däne­mark ler­nen, die zum Bei­spiel Design als unver­zicht­ba­ren und nütz­li­chen Motor für Inno­va­ti­on erkannt und geför­dert haben.

5. Wahr­heit: Sicht­bar­keit und Ver­net­zung stärken

Wer nicht gese­hen wird, des­sen Know-how wird auch nicht in Pro­zes­se und Ent­wick­lun­gen inte­griert. Als Krea­ti­ve sehen wir ein kla­res Bild von unse­rer Wir­kung, den gesamt­wirt­schaft­li­chen Poten­zia­len und den not­wen­di­gen Pro­zes­sen und Ver­än­de­run­gen. Was bis­her noch fehlt ist eine bes­se­re Umset­zung schon jetzt. Der Deut­sche Design­tag hat des­halb zum Bei­spiel mit sei­nen Mit­glieds­or­ga­ni­sa­tio­nen im Jahr 2025 mit viel ehren­amt­li­cher Kraft sowie För­de­run­gen durch den Bund, das Land Bay­ern und die Stadt Mün­chen den 1. Bun­des­kon­gress Design, die DIVE’25, erfolg­reich ins Leben gerufen.

Geplant ist der zwei­te Bun­des­kon­gress Design im Herbst 2027 mit vie­len span­nen­den The­men von der euro­päi­schen bis zur ganz loka­len Ebe­ne. Gera­de in der Ver­mitt­lung ist Design ein fan­tas­ti­scher Hebel, um gro­ße, abs­trak­te The­men auf hand­li­che Dimen­sio­nen und kon­kre­te Anwen­dun­gen her­un­ter­zu­bre­chen und so für vie­le Men­schen nah­bar und emo­tio­nal erfahr­bar zu gestalten.

Vor­schlag: Wir brau­chen mehr Ver­net­zung und For­ma­te mit Strahl­kraft, bei denen sich Krea­tiv­wirt­schaft, Wis­sen­schaft, Ver­wal­tung und Poli­tik begeg­nen. Hier wün­sche ich der Krea­tiv­bran­che deut­lich mehr Sicht­bar­keit und Orte, um in den direk­ten Dia­log und Aus­tausch mit krea­ti­ven Exper­tin­nen und Exper­ten, der Zivil­ge­sell­schaft und der Wirt­schaft zu gehen.

Chan­cen und Poten­zi­al nutzen

Die Krea­tiv­bran­che ist an vie­len Stel­len ein noch schlum­mern­der Fak­tor für ech­ten Chan­ge und Inno­va­ti­on. Die ihr inne­woh­nen­den und drin­gend benö­tig­ten Poten­zia­le soll­ten wir alle gemein­sam heben. Damit dies gelingt, brau­chen wir Krea­ti­ve, die selbst­be­wusst und sicht­bar kom­mu­ni­zie­ren, aus der eige­nen Bubble her­aus­tre­ten und sich offen und aktiv vernetzen.

Über die Autorin:

Irm­gard Hes­se ist Vize­prä­si­den­tin des Deut­schen Design­tags und Grün­de­rin von Zei­chen & Wun­der, einer der Top 15 Mar­ken­agen­tu­ren Deutsch­lands. Als Exper­tin für Love Brands und Sto­rytel­ling ist sie seit drei­ßig Jah­ren mit viel Herz­blut und Neu­gier als Geschäfts­füh­re­rin aktiv. Regel­mä­ßig schreibt Irm­gard Hes­se für die Fach­pres­se, lei­tet Work­shops und spricht auf Ver­an­stal­tun­gen. Als geschäfts­füh­ren­de Gesell­schaf­te­rin­nen hat sie die Agen­tur seit der Grün­dung 1995 zu einer der füh­ren­den Bran­ding Agen­tu­ren Deutsch­lands mit 45 Mit­ar­bei­ten­den ent­wi­ckelt. Der Fokus von Zei­chen & Wun­der liegt auf der engen Ver­zah­nung von stra­te­gi­schem Den­ken, aus­ge­zeich­ne­tem Design und Sto­rytel­ling. So ent­ste­hen für Kun­den wie zB. SAP, Deu­ter, die Fraun­ho­fer Gesell­schaft, das NS-Doku­men­ta­ti­ons­zen­trum und die Lan­des­haupt­stadt Mün­chen nach­hal­ti­ge und wir­kungs­vol­le Mar­ken­auf­trit­te, die regel­mä­ßig mit Awards aus­ge­zeich­net wer­den. Seit 2023 enga­giert sie sich im Vor­stand des Deut­schen Design­tags, um die Rele­vanz von Krea­ti­vi­tät und Design in Wirt­schaft und Gesell­schaft sicht­ba­rer zu machen.