19. Februar 2026

Sakra­le Räu­me im Wandel

Ergänzende Nutzungen für das Gemeinwohl

Kir­chen und Kir­chen­ge­bäu­de sind über ihre reli­giö­se Bedeu­tung hin­aus schon immer für die Bevöl­ke­rung rele­van­te Orte – als Orte der Begeg­nung, der Stil­le und als „radi­kal öffent­li­che Orte“ (sie­he dazu: Kir­chen­ma­ni­fest). Gleich­zei­tig ver­än­dert sich die reli­giö­se Land­schaft: Reli­giö­si­tät wird viel­fäl­ti­ger und indi­vi­du­el­ler gelebt. Dies führt zum Rück­gang von Gemein­de­mit­glie­dern, zu einem Man­gel an pas­to­ra­lem Per­so­nal und damit zu einer gerin­ge­ren Aus­las­tung der Räu­me sowie sin­ken­den finan­zi­el­len Mit­teln für ihren Unter­halt. Aus sozia­ler, kul­tu­rel­ler und öko­lo­gi­scher Sicht ist der Erhalt kirch­li­cher Gebäu­de jedoch wich­tig. Eine Pri­va­ti­sie­rung steht einer gemein­wohl­ori­en­tier­ten Nut­zung als Orte des Gemein­guts entgegen.

Immer mehr Gemein­den öff­nen ihre Kir­chen für neue Nut­zun­gen, um einen gesell­schaft­li­chen, kul­tu­rel­len und sozia­len Mehr­wert zu schaf­fen: von Biblio­the­ken und Ver­an­stal­tungs­räu­men über sozia­le Wohn­pro­jek­te bis hin zu leben­di­gen Gemein­schafts­zen­tren. Die­se Umnut­zun­gen und Nut­zungs­er­wei­te­run­gen ver­bin­den die bestehen­de Archi­tek­tur mit den Bedürf­nis­sen der Nach­bar­schaft und zei­gen das viel­fäl­ti­ge Poten­zi­al sakra­ler Räume.

Kir­chen für neue Nut­zun­gen öff­nen: Fünf inspi­rie­ren­de Projekte

Wie die­ses Poten­zi­al gemein­sam mit den Kir­chen­ge­mein­den und Nach­bar­schaf­ten geho­ben wer­den kann, beschäf­tigt auch unser Pro­jekt­team. Im Rah­men des Pro­jekts Stadt.Raum.Kirche ent­wi­ckel­te das Pro­jekt­team gemein­sam mit dem Öku­me­ni­schen Kir­chen­zen­trum im Olym­pia­dorf und der Hoch­schu­le Mün­chen einen par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess. In die­sem wur­den Bedar­fe und Ideen für eine Nut­zungs­er­wei­te­rung von Kir­chen gesam­melt. Die Doku­men­ta­ti­on des Pro­zes­ses fin­det sich hier.

In die­sem Blog­bei­trag stel­len wir exem­pla­risch fünf wei­te­re Pro­jek­te ande­rer Orga­ni­sa­tio­nen aus unter­schied­li­chen Städ­ten vor, die zei­gen, wie sakra­le Räu­me krea­tiv, nach­hal­tig und gesell­schaft­lich rele­vant neu gedacht wer­den können.

Folke­hu­set Absalon

Stadt: Kopen­ha­gen

Grad der bau­li­chen Anpas­sung: – niedrig –
Neue Ele­men­te wur­den hin­zu­ge­fügt, wie bei­spiels­wei­se eine Gale­rie und Öff­nun­gen, die ver­schie­de­ne Räu­me mit­ein­an­der verbinden

Nut­zungs­form: pro­fan gemeinwohlorientiert

Ver­wal­tung und Trä­ger­schaft: Lenn­art Laj­bo­s­chitz (Grün­der von Fly­ing Tiger)

Pro­jekt und Besonderheiten:
Die Umge­stal­tung der Kir­che wur­de 2015 von einem inter­dis­zi­pli­nä­ren Team von Architek*innen, Designer*innen und Künstler*innen mit dem Ziel rea­li­siert, einen far­ben­fro­hen, ein­la­den­den Innen­raum zu gestal­ten. Wäh­rend zen­tra­le Ele­men­te, wie die hohen Decken und die gro­ßen Fens­ter erhal­ten blie­ben, wur­de der Innen­raum durch Gale­rien und Teil­be­rei­chen so struk­tu­riert, dass eine Wohn­zim­mer­at­mo­sphä­re entsteht.

Heu­te ist der Folke­hu­set Absa­lon ein leben­di­ges Gemein­schafts­zen­trum. Die ehe­ma­li­ge Kir­che wur­de in ein offe­nes Kul­tur­haus umge­wan­delt und dient heu­te als Treff­punkt für Men­schen aller Alters­grup­pen und Hin­ter­grün­de. Täg­lich wer­den eine Viel­zahl an Akti­vi­tä­ten ange­bo­ten, dar­un­ter Yoga, Brett­spiel­aben­de, Kon­zer­te, Kunst­work­shops und Gemein­schafts­es­sen. Beson­ders beliebt ist das täg­li­che Abend­essen, bei dem die Nachbar*innen, Besucher*innen und Frem­de an lan­gen Tischen gemein­sam spei­sen und ins Gespräch kom­men. Die fami­liä­re Atmo­sphä­re und das bunt gemisch­te Pro­gramm haben Absa­lon zu einem zen­tra­len Ort für sozia­le Inter­ak­ti­on und krea­ti­ve Ent­fal­tung in Kopen­ha­gen gemacht.

Foto: Alas­ta­ir Wiper

Sankt Maria als… 

Stadt: Stutt­gart

Grad der bau­li­chen Anpas­sung : – niedrig –
kei­ne bau­li­che Anpas­sung erfolgt, aus­schließ­li­che Nut­zungs­er­wei­te­rung über Mobiliar

Nut­zungs­form:
Ange­bo­te größ­ten­teils pro­fan (welt­lich und auf all­täg­li­che Nut­zun­gen ausgerichtet)

Ver­wal­tung und Trägerschaft:
Kura­to­ri­sche Lei­tung seit August 2023: Kul­tur­ma­na­ge­rin Romy Ran­ge und Künst­le­rin Ania Corcilius
Finan­zie­rung: haupt­säch­lich kath. Kir­che Stuttgart

Pro­jekt und Besonderheiten:
Im Mai 2017 star­te­te „St. Maria als …“ als Betei­li­gungs­pro­zess, initi­iert von Stadt­de­ka­nat und Kir­chen­ge­mein­de, um Ideen für eine Kir­chen­sa­nie­rung zu sam­meln. Die­se Ideen­samm­lung ent­wi­ckel­te sich zu einem offe­nen Kir­chen­ent­wick­lungs­pro­zess, der auf Trans­for­ma­ti­ons­pro­zes­sen der Diö­ze­se und des Stadt­de­ka­nats Stutt­gart basiert. Seit 2023 liegt die kura­to­ri­sche Lei­tung bei der Kul­tur­ma­na­ge­rin Romy Ran­ge und der Künst­le­rin Ania Cor­ci­li­us. Gemein­sam mit Vertreter*innen der Kir­chen­ge­mein­de, der Kul­tur und der sozia­len Arbeit ent­wi­ckeln sie nun The­men­schwer­punk­te und Ver­mitt­lungs­stra­te­gien für die Jah­re 2024–2026. Unter dem Mot­to „Wir haben eine Kir­che. Sie haben eine Idee?“ kön­nen sich außer­dem Bürger*innen in regel­mä­ßi­gen Abstän­den mit ihrem Vor­schlag für neue Pro­jek­te in der Kir­che bewerben.

St. Maria wird damit zu einem inno­va­ti­ven, spi­ri­tu­el­len und kul­tu­rel­len Raum für viel­fäl­ti­ge Ver­an­stal­tun­gen und steht für inter­dis­zi­pli­nä­ren Aus­tausch, Kunst, gesell­schafts­po­li­ti­sche The­men und theo­lo­gi­schen Diskurs.

Foto: Stadt­lü­cken e.V.

Stadt­pfarr­kir­che St. Mari­en // Stadt­bi­blio­thek und Veranstaltungsort 

Stadt: Mün­che­berg

Grad der bau­li­chen Anpas­sung: – hoch –
Vier­stö­cki­ger Ein­bau mit ver­glas­ten Wän­den, barrierefrei

Nut­zungs­form: Erwei­tert sakral

Ver­wal­tung und Trägerschaft:
GmbH, gleich­be­rech­tigt getra­gen von evan­ge­li­scher Kir­chen­ge­mein­de, Stadt und Förderverein

Pro­jekt und Besonderheiten:
Im Zuge des Wie­der­auf­baus von 1992 bis 1997 erhielt die zur Rui­ne gewor­de­ne Kir­che ein neu­es Dach und umfas­sen­de Umbau­ten. Der archi­tek­to­nisch ein­zig­ar­ti­ge Umbau, das soge­nann­te Schiff im Schiff, beher­bergt seit­dem die Stadt­bi­blio­thek und einen zusätz­li­chen Ver­an­stal­tungs­raum, die bei­de dank eines Auf­zugs bar­rie­re­frei zugäng­lich sind.

Durch die­ses Kon­zept konn­te die Kir­che als Mehr­zweck­bau neu belebt wer­den: Welt­li­che und kirch­li­che Nut­zung wer­den hier unter einem Dach ver­eint. Die beson­de­re Archi­tek­tur von St. Mari­en ermög­licht zudem eine her­vor­ra­gen­de Akus­tik, die das Haus zu einem belieb­ten Ver­an­stal­tungs­ort macht.  Rund 80 Ver­an­stal­tun­gen pro Jahr locken jähr­lich etwa 7000 Besucher*innen in das Gebäu­de.  Von Kon­zer­ten, Aus­stel­lun­gen und Kino­aben­den bis hin zu Autoren­le­sun­gen, the­ma­ti­schen Aben­den, Abitur­fei­ern oder Stadtverordnetenversammlungen.

Foto: Stadt­pfarr­kir­che Müncheberg

Drei­fal­tig­keits­kir­che // Sozia­les Wohn­pro­jekt und Gewerberäume 

Stadt: Müns­ter

Grad der bau­li­chen Anpas­sung: – hoch –
Von außen unver­än­dert, von innen meh­re­re Stock­wer­ke sowie Mau­ern eingezogen

Nut­zungs­form: Pro­fan, privat-gemeinwohlorientiert

Ver­wal­tung und Trä­ger­schaft: För­der­ver­ein für Wohn­hil­fen e.V., Bischof-Hermann-Stiftung

Pro­jekt und Besonderheiten:
Die Drei­fal­tig­keits­kir­che wur­de 1937–1939 erbaut und nach dem Zwei­ten Welt­krieg wie­der­auf­ge­baut. 2010 wur­de sie pro­fa­ni­siert und an das kom­mu­na­le Woh­nungs­un­ter­neh­men Wohn+Stadtbau ver­kauft, das das Kir­chen­ge­bäu­de in den fol­gen­den zwei Jah­ren umbau­te. Statt Abriss wur­de eine Misch­nut­zung: In den obe­ren Geschos­sen ent­stan­den gewerb­lich nutz­ba­re Büro­räu­me, im Geschoss dar­un­ter Ein­rich­tun­gen für das betreu­te Woh­nen für obdach­lo­se Men­schen ab 60 Jah­ren die den Bewohner*innen ein sta­bi­les und unter­stütz­tes Umfeld bie­ten. Zusätz­lich wur­den zwei Neu­bau­ten errich­tet, die über Brü­cken mit dem Kir­chen­ge­bäu­de ver­bun­den sind und 18 öffent­lich geför­der­te Woh­nun­gen enthalten.

Da der mar­kan­te Kir­chen­bau unter Denk­mal­schutz steht, blieb sei­ne äuße­re Gestalt weit­ge­hend erhal­ten. Der Innen­raum hin­ge­gen wur­de voll­stän­dig neu struk­tu­riert. Er zeich­net sich durch den offe­nen Licht­hof aus, der über eine durch­ge­hen­de Dach­ver­gla­sung mit Tages­licht ver­sorgt wird. An den Außen­wän­den befin­den sich die Wohn- und Büro­räu­me mit ein­ge­bau­ten Fensteröffnungen.

Foto: Felix Hemmers

Frie­dens­kir­che // Stadt­teil­zen­trum „Q1 – Eins im Quartier“ 

Stadt: Bochum

Grad der bau­li­chen Anpas­sung: – hoch –
Unter­tei­lung des Sakral­raums in klei­ne­re Räu­me unter Berück­sich­ti­gung von Denk­mal­schutz und Barrierefreiheit

Nut­zungs­form: Erwei­tert sakral

Ver­wal­tung und Trä­ger­schaft: IFAK e. V. und evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de Bochum

Pro­jekt und Besonderheiten:
Auf­grund des wach­sen­den Anteils von Bewohner*innen mit ver­schie­de­nen Reli­gio­nen, konn­te sich die evan­ge­li­sche Kir­chen­ge­mein­de nicht mehr allei­ne finan­zie­ren. Im Rah­men eines Stadt­um­bau­pro­jekts ent­wi­ckel­te die Gemein­de 2015 in gemein­sa­mer Trä­ger­schaft mit dem Stadt­teil­treff „IFAK – Ver­ein für mul­ti­kul­tu­rel­le Kin­der- und Jugend­hil­fe – Migra­ti­ons­ar­beit“ ein Stadt­teil­be­geg­nungs­zen­trum als Anlauf­stel­le für Men­schen aller Reli­gio­nen. Das Pro­jekt ist auf Begeg­nung und Dia­log aus­ge­rich­tet, was sich auch in der Archi­tek­tur wider­spie­gelt. Der ursprüng­li­che Kirch­raum wur­de in ver­klei­ner­te Form erhal­ten und dient nun als Frie­dens­ka­pel­le als Rück­zugs- und Gebets­ort für Ange­hö­ri­ge aller Reli­gio­nen. Gleich­zei­tig fin­den wei­ter­hin Got­tes­diens­te der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de statt.

Der IFAK e.V nutzt grö­ße­re Tei­le des Kir­chen­ge­bäu­des für eine Cafe­te­ria, meh­re­re Grup­pen­räu­me, ein Jugend­be­reich, Büros sowie ein Ver­an­stal­tung­s­aal. Gemein­sam mit der evan­ge­li­schen Kir­chen­ge­mein­de bie­tet der Stadt­teil­treff ver­schie­de­ne Ange­bo­te, von Bera­tun­gen, Seel­sor­ge, Inte­gra­ti­ons- und Bil­dungs­an­ge­bo­te, Informations‑, hin­zu Kul­tur- und Kunst­ver­an­stal­tun­gen. Teil des Kon­zepts ist außer­dem die Zusam­men­ar­beit mit dem benach­bar­ten Fami­li­en­zen­trum und der Kindertagesstätte.

Foto: Q1

Ideen, Impul­se und neue Entwicklungen

Die fünf vor­ge­stell­ten Pro­jek­te zei­gen ein­drück­lich, wie sakra­le Räu­me heu­te neu gedacht wer­den kön­nen und den­noch Orte des Gemein­wohls blei­ben. Ob als Kul­tur­zen­trum, Stadt­bi­blio­thek, Wohn­pro­jekt oder Stadt­teil­zen­trum – die Umnut­zun­gen ver­bin­den die zen­tra­le Rol­le von Kir­chen in Quar­tie­ren mit den sich wan­deln­den Bedürf­nis­sen der Nach­bar­schaft und der Gesell­schaft. Sie schaf­fen Räu­me für Begeg­nung, krea­ti­ve Ent­fal­tung und sozia­le Teil­ha­be und öff­nen kirch­li­che Gebäu­de für Men­schen mit ver­schie­de­nen Hin­ter­grün­den und Lebensrealitäten

Kir­chen­um­nut­zun­gen bie­ten somit eine Chan­ce, his­to­ri­sches Erbe zu bewah­ren und gleich­zei­tig einen gesell­schaft­li­chen Mehr­wert zu schaf­fen. Auch für das Pro­jekt Stadt.Raum.Kirche lie­fern die­se Bei­spie­le wich­ti­ge Impul­se. Sie ver­deut­li­chen, wie par­ti­zi­pa­ti­ve Pro­zes­se, inno­va­ti­ve Nut­zungs­kon­zep­te und inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit den Wan­del sakra­ler Räu­me mit Blick auf das Gemein­wohl gestal­ten können.

Auf­bau­end auf die­sen Erfah­run­gen knüp­fen auch wir an das zurück­lie­gen­de Pro­jekt im Olym­pia­dorf an und wol­len die gesam­mel­ten Bedar­fe und Ideen gemein­sam mit den Kir­chen­ge­mein­den und der Nach­bar­schaft weiterentwickeln.

Hea­der Foto: Trep­pen­haus des Folke­hu­set Absa­lon; Cre­dit: Folke­hu­set Absalon