Roboter dienen als Assistenz im OP oder selbst als Therapiegeräte, biegen Bleche, interagieren als Soft-Bots mit uns im Internet, kutschieren Fahrgäste durch die Stadt oder bringen als militärische Drohnen Tod und Verderben. Doch sind das wirklich alles Roboter? Für Carlo Ratti, Leiter des MIT Senseable City Lab, schon. Sie brauchen nur Sensoren, Intelligenz und Aktoren. Ratti beriet die Ausstellungsmacher*innen von „Hello, Robot“, der maßstabgebenden Überblicksdarstellung in Wien, Gent und Weil am Rhein, die 2022 das „Design zwischen Mensch und Maschine“ in den Blick nahm. Rattis weiter Blick auf Roboter spricht von Software, die gemessene Daten sinnvoll verwertet und Geräten, die darauf reagieren. Alles könnte also ein Roboter sein, „jedes Haus und jede Umgebung.“ (Hello, Robot. Design zwischen Mensch und Maschine, Vitra Design Museum, 2022, S. 11). Was sie für Ratti aber doch von den meisten Bauwerken unterscheidet, ist ihr Verhalten (Hello, Robot. S. 12): Sie reagieren auf „ihre“ Umgebung. Roboter stehen also für Interaktion, gleich, was die Dinger wirklich können oder wie sie aussehen. Sobald wir mit ihnen Erlebnisse teilen, sind es Roboter. Für alle Designenden heißt das: Es geht nicht um das Styling von Hüllen, Gelenken und Optiken, sondern um die Gestaltung einer (erfüllenden) Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Hieran arbeiten ganze Teams aus Soziolog:innen, Designer:innen, Werkstoffspezialist:innen und Computerspezialist:innen, und sie sorgen dafür, dass Funktionalität sich nicht auf Ergonomie und leichte Handhabbarkeit beschränkt, sondern gleichermaßen Ästhetik und Wirtschaftlichkeit sowie kommunikative und mechanische Aspekte verschränkt.
In diesem Zusammenspiel löst sich das Klobige früher Industrierobotern im mitfühlenden Touch sensibler Helfer auf, die über Fingerspitzengefühl verfügen, also taktile Fähigkeiten mitbringen. Kein Wunder, dass die Hand zur Königsdisziplin der Robotik zählt und sich stark an menschlichen Vorgaben anlehnt. Im Industriekontext dominieren noch immer Greifer. Aber auch dort erhalten Roboter mehr Beweglichkeit und Feingefühl. Roboter werden zunehmend modular designt, wie es das Münchner Start-Up RobCo beispielhaft vorführt. Ihr Inhouse-Design setzt bewusst auf einfache, sich wiederholende zylindrische Formen, die wenig bedrohlich wirken. Mehr und mehr verlassen Roboter damit den Bereich der Sonderanwendung und werden echte Industriegüter. Und stehen vielleicht schon bald neben uns im Haushalt.
Heute ist eine „Dark Factory“ ganz ohne Menschen keine Seltenheit mehr und auch nicht mehr der Androide, der, weil er dezidiert mit Menschen zusammenarbeiten soll. Das ist vor allem dem Einsatz von KI zu verdanken, die aufwändige Punkt-zu-Punkt-Steuerungen ersetzt. Statt also Bewegungen Schritt für Schritt einzuprogrammieren, zu „teachen“, werden (simulierte) Umgebungen zum schnellen, risikolosen Training genutzt. Wie beim parallel entwickelten automatisierten Fahren sorgen Sensoren und Rechenpower dafür, dass sie sich in unserer Welt bewegen können. Und zwar möglichst sicher. „Erfahrungen“ einer Einheit können per WLAN auf andere übertragen werden. Statt also mühsam einzelne Bewegungen festzulegen, „spielen“ KIs so lange, bis sie das Problem gelöst haben. Trial and Error. Trial and Error. Trial and Error. Bis es klappt. Denn machen wir uns nichts vor: Rechner mögen zwar Schachgroßmeister schlagen und Go-Weltmeister übertrumpfen, aber sie haben keine Vorstellung von „unserer“ und bald auch „ihrer“ Welt. Daher scheitern sie an den einfachsten Aufgaben. Um beispielsweise einen Geschirrspüler auszuräumen, braucht es eine Menge Wissen über das, was sich eigentlich darin befindet und wie jedes Teil zu behandeln ist: Vielleicht erst das Besteck, dann die kleinen Teller, dann die Töpfe? Oder alles durcheinander? Statt starren Routinen beginnt die Exploration von Welt. Das Zusammenspiel aus maschinellem Lernen mit KI lässt Roboter agiler und flexibler denn je auf Neues reagieren. Dabei tun sich mit jedem Fortschritt neue Herausforderungen auf. Die Entwicklungsreise der Robotik hat gerade erst begonnen.
Trotz aller Erfolge bestehen noch immer immense Herausforderungen für das integrative Design. Die fünf größten liegen in den Bereichen Technik (Greifen, Wahrnehmung, Energieversorgung), Dauerbetrieb, perfekte Einbindung in Systeme sowie ethische und gesellschaftliche Fragen. Die Königsdisziplin der Robotik besteht darin, eine menschliche Hand zu replizieren, die mit ihrem perfekten Spiel aus Sensoren (Fingerkuppen) und Feinmechanik (Pinzettengriff) sowohl winzige Bewegungen ausführen wie schwere Lasten heben kann. Dazu bedarf es ausgefeilter Sensorik, um die Lage von Objekten im Raum (und überhaupt die Umgebung an sich) wahrzunehmen und das eigene Verhalten anzupassen. An der US-amerikanischen Cornell University etwa setzen Forscher:innen auf hochauflösende Kameras und KI-gestützte Objekterkennung, um Ausschuss bei der Produktion von Aluminium-Druckgussteilen zu erkennen. Es punktet eine Kombination aus Deep-Learning und Sensorik: hochauflösende Kameras mit Spezialoptik scannen Formen. Dazu kommt Mustererkennung in Echtzeit. KI-gestützte Bilderkennung ist Menschen schon heute überlegen und erkennt Ausschuss schneller und zuverlässiger – bei geringeren Kosten. Es grenzt an Zynik, wenn Betriebswirtschaftler:innen von „menschlichen Systemen“ sprechen und zum Schluss kommen, dass Präzision, Geschwindigkeit und Wirtschaftlichkeit für mehr Industrieroboter sprächen. Kosten sind denn auch der Haupttreiber für immer mehr Robotik in Produktion – und bald auch im Alltag. Allein der deutsche Markt für humanoide Roboter soll von 109,97 Millionen USD im Jahr 2024 auf 1.161,81 Millionen USD bis 2033 wachsen (finanzen.net). Das sprechende Fazit: „Humanoide Roboter stehen kurz vor dem Sprung von der Forschung in die industrielle Massenproduktion, wobei Tesla und BYD bereits ab 2025 den Einsatz in eigenen Fabriken planen.“
Waren es früher vor allem stationäre Industrieroboter von ABB, KUKA oder Yaskawa, etwa Sechsachsroboter zur Montage und zum Schweißen, die zum Schutz menschlicher Kolleg:innen fest installiert hinter Gittern werkelten, sind es zunehmend mobile Logistikroboter (Boston Dynamics: Spot, Stretch, neuer Atlas) und sogenannte Cobots, kollaborative Roboter, die gemischte Fertigungslinien prägen. Immer mehr verschiebt sich der Forschungsschwerpunkt auf Humanoide, die mit ihren Kollegen am Band stehen (oder im Haushalt helfen). Dabei setzen die Entwickler:innen auf KI‑basierte Wahrnehmung sowie „virtuelles Training“ in digitalen Zwillingsarchitekturen. Software und Robotik sind längst zusammengewachsen und Androiden sind keine Science-Fiction mehr. Aber sie müssen noch einiges lernen, wollen sie auch im häuslichen Alltag bestehen. Das beginnt bei echter, fehlerfreier Feinmotorik und endet bei der Wahrnehmung, wollen sich Service-Roboter je autonom in unstrukturierten Umgebungen (Haushalt, Klinik, Außenbereich) bewegen.
Die gesellschaftliche Dynamik der Robotik ist nicht zu unterschätzen. Expert:innen rechnen in den 2030er Jahren mit Millionen ersetzter Arbeitsplätze. Menschen müssen sich einerseits ständig höher qualifizieren, wollen sie nicht ihren Job verlieren, andererseits wirken Roboter scheinbar dem zunehmenden Fachkräftemangel und dem demografischen Wandel entgegen. Doch halt: Was am Band funktionieren mag, wird daheim und in der Pflege zu einem echten Problem: Humanoide Assistenzsysteme direkt am Menschen erfordern klare Regeln bei Sicherheit, Haftung, Datenschutz und nicht zuletzt Ethik. Es geht um Würde. Kein Wunder, dass Gewerkschaften, Wohlfahrts- und Branchenverbände an Normen und Leitlinien feilen.
Überdies scheinen sich Menschheit und Robotik von zwei Seiten anzunähern: Während Humanoide intelligenter und sensibler werden, scheinen wirf dem Weg zu Cyborgs: Exoskelette entlasten Lagerarbeiter:innen, Handys lassen uns verstummen, auch wenn wir uns direkt gegenübersitzen. Technik ist unsere zweite Natur geworden, ohne die wir nicht mehr „funktionieren“. Zugleich werden messianische Heilsbotschaften verbreitet: Elon Musk sieht in Teslas humanoiden Roboter „Optimus“ nicht nur „das größte Produkt aller Zeiten“, er fabuliert davon, dass Arbeit optional werde, weil Maschinen den Großteil der notwendigen Produktion übernähmen. Robotik werde nach Musk nicht nur Produktivität steigern, sie könne auch Armut beseitigen, weil sie Güter und Dienstleistungen billig mache und so ein hohes materielles Wohlstandsniveau für alle ermögliche. Ähnliche Versprechen gab es schon einige in der Geschichte der Menschheit. Bislang erwiesen sich alle als leere Worte.
Titelbild: NAO (Academic Edition), 2008, Aldebaran Robotics, Paris, Frankreich. Foto: Die Neue Sammlung (K. Mewes) | Leihgabe von Gordon Cheng, Lehrstuhl für Kognitive Systeme, Technische Universität München
Dr. Oliver Herwig arbeitet als Journalist und Moderator in München. Er unterrichtet Designtheorie an der Kunstuniversität Linz, moderiert Tagungen und Podiumsgespräche (u. a. Bayerische Architektenkammer, Politische Akademie Tutzing). Für seine Arbeiten wurde er vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem „Karl-Theodor-Vogel-Preis für herausragende Technik-Publizistik.“
Foto: Marian Wilhelm
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