25. Februar 2026

Robo­tik: Die Kom­bi­na­ti­on aus künst­li­cher Intel­li­genz und künst­li­chen Körpern

Beitrag von Oliver Herwig

Sie sind über­all, und sie wer­den immer mehr: Robo­ter, lan­ge Zeit Wunsch­den­ken von Tech­nik-Nerds, sind aus Fabri­ken nicht mehr weg­zu­den­ken. Nun drin­gen sie selbst in den All­tag vor. Auf der Con­su­mer Elec­tro­nic Show (CES) in Las Vegas stell­te LG gera­de einen Haus­halts­ro­bo­ter namens CLO­iD vor, der immer­hin schon ein Hand­tuch in die Wasch­ma­schi­ne leg­te. Mög­lich mach­ten das die Kom­bi­na­ti­on aus Greif­or­ga­nen, die der mensch­li­chen Hand nach­ge­bil­det sind, bes­se­ren Akkus, Breit­band-Mobil­funk und viel Rechen­leis­tung. CLO­iD leg­te eine regel­rech­te Büh­nen­show hin. Und, ja, es/er/sie kann auch abspü­len oder ein Crois­sant auf­ba­cken. CLO­iD ist nicht allein. In den nächs­ten Jah­ren dürf­te eine gan­ze Wel­le robo­ti­scher All­tags­hel­fer unser Leben ver­än­dern. Ohne eine umfas­sen­de Gestal­tung, die Kör­per (Elek­tro­nik, Mecha­nik und Moto­rik) und Geist (KI sowie Sen­so­rik) zusam­men­bringt und ganz­heit­lich denkt, wäre das nie geschehen.

Haushaltsroboter LG CLOiD von LG Electronics
Haushaltsroboter LG CLOiD von LG Electronics

Robo­ter die­nen als Assis­tenz im OP oder selbst als The­ra­pie­ge­rä­te, bie­gen Ble­che, inter­agie­ren als Soft-Bots mit uns im Inter­net, kut­schie­ren Fahr­gäs­te durch die Stadt oder brin­gen als mili­tä­ri­sche Droh­nen Tod und Ver­der­ben. Doch sind das wirk­lich alles Robo­ter? Für Car­lo Rat­ti, Lei­ter des MIT Sen­seable City Lab, schon. Sie brau­chen nur Sen­so­ren, Intel­li­genz und Akto­ren. Rat­ti beriet die Ausstellungsmacher*innen von „Hel­lo, Robot“, der maß­stab­ge­ben­den Über­blicks­dar­stel­lung in Wien, Gent und Weil am Rhein, die 2022 das „Design zwi­schen Mensch und Maschi­ne“ in den Blick nahm. Rat­tis wei­ter Blick auf Robo­ter spricht von Soft­ware, die gemes­se­ne Daten sinn­voll ver­wer­tet und Gerä­ten, die dar­auf reagie­ren. Alles könn­te also ein Robo­ter sein, „jedes Haus und jede Umge­bung.“ (Hel­lo, Robot. Design zwi­schen Mensch und Maschi­ne, Vitra Design Muse­um, 2022, S. 11). Was sie für Rat­ti aber doch von den meis­ten Bau­wer­ken unter­schei­det, ist ihr Ver­hal­ten (Hel­lo, Robot. S. 12): Sie reagie­ren auf „ihre“ Umge­bung. Robo­ter ste­hen also für Inter­ak­ti­on, gleich, was die Din­ger wirk­lich kön­nen oder wie sie aus­se­hen. Sobald wir mit ihnen Erleb­nis­se tei­len, sind es Robo­ter. Für alle Desi­gnen­den heißt das: Es geht nicht um das Sty­ling von Hül­len, Gelen­ken und Opti­ken, son­dern um die Gestal­tung einer (erfül­len­den) Inter­ak­ti­on zwi­schen Mensch und Maschi­ne. Hier­an arbei­ten gan­ze Teams aus Soziolog:innen, Designer:innen, Werkstoffspezialist:innen und Computerspezialist:innen, und sie sor­gen dafür, dass Funk­tio­na­li­tät sich nicht auf Ergo­no­mie und leich­te Hand­hab­bar­keit beschränkt, son­dern glei­cher­ma­ßen Ästhe­tik und Wirt­schaft­lich­keit sowie kom­mu­ni­ka­ti­ve und mecha­ni­sche Aspek­te verschränkt.

In die­sem Zusam­men­spiel löst sich das Klo­bi­ge frü­her Indus­trie­ro­bo­tern im mit­füh­len­den Touch sen­si­bler Hel­fer auf, die über Fin­ger­spit­zen­ge­fühl ver­fü­gen, also tak­ti­le Fähig­kei­ten mit­brin­gen. Kein Wun­der, dass die Hand zur Königs­dis­zi­plin der Robo­tik zählt und sich stark an mensch­li­chen Vor­ga­ben anlehnt. Im Indus­trie­kon­text domi­nie­ren noch immer Grei­fer. Aber auch dort erhal­ten Robo­ter mehr Beweg­lich­keit und Fein­ge­fühl. Robo­ter wer­den zuneh­mend modu­lar designt, wie es das Münch­ner Start-Up Rob­Co bei­spiel­haft vor­führt. Ihr Inhouse-Design setzt bewusst auf ein­fa­che, sich wie­der­ho­len­de zylin­dri­sche For­men, die wenig bedroh­lich wir­ken. Mehr und mehr ver­las­sen Robo­ter damit den Bereich der Son­der­an­wen­dung und wer­den ech­te Indus­trie­gü­ter. Und ste­hen viel­leicht schon bald neben uns im Haushalt.

Die Robo­ter­re­vo­lu­ti­on: KI mit Körper

Heu­te ist eine „Dark Fac­to­ry“ ganz ohne Men­schen kei­ne Sel­ten­heit mehr und auch nicht mehr der Andro­ide, der, weil er dezi­diert mit Men­schen zusam­men­ar­bei­ten soll. Das ist vor allem dem Ein­satz von KI zu ver­dan­ken, die auf­wän­di­ge Punkt-zu-Punkt-Steue­run­gen ersetzt. Statt also Bewe­gun­gen Schritt für Schritt ein­zu­pro­gram­mie­ren, zu „tea­chen“, wer­den (simu­lier­te) Umge­bun­gen zum schnel­len, risi­ko­lo­sen Trai­ning genutzt. Wie beim par­al­lel ent­wi­ckel­ten auto­ma­ti­sier­ten Fah­ren sor­gen Sen­so­ren und Rechen­power dafür, dass sie sich in unse­rer Welt bewe­gen kön­nen. Und zwar mög­lichst sicher. „Erfah­run­gen“ einer Ein­heit kön­nen per WLAN auf ande­re über­tra­gen wer­den. Statt also müh­sam ein­zel­ne Bewe­gun­gen fest­zu­le­gen, „spie­len“ KIs so lan­ge, bis sie das Pro­blem gelöst haben. Tri­al and Error. Tri­al and Error. Tri­al and Error. Bis es klappt. Denn machen wir uns nichts vor: Rech­ner mögen zwar Schach­groß­meis­ter schla­gen und Go-Welt­meis­ter über­trump­fen, aber sie haben kei­ne Vor­stel­lung von „unse­rer“ und bald auch „ihrer“ Welt. Daher schei­tern sie an den ein­fachs­ten Auf­ga­ben. Um bei­spiels­wei­se einen Geschirr­spü­ler aus­zu­räu­men, braucht es eine Men­ge Wis­sen über das, was sich eigent­lich dar­in befin­det und wie jedes Teil zu behan­deln ist: Viel­leicht erst das Besteck, dann die klei­nen Tel­ler, dann die Töp­fe? Oder alles durch­ein­an­der? Statt star­ren Rou­ti­nen beginnt die Explo­ra­ti­on von Welt. Das Zusam­men­spiel aus maschi­nel­lem Ler­nen mit KI lässt Robo­ter agi­ler und fle­xi­bler denn je auf Neu­es reagie­ren. Dabei tun sich mit jedem Fort­schritt neue Her­aus­for­de­run­gen auf. Die Ent­wick­lungs­rei­se der Robo­tik hat gera­de erst begonnen.

Haushaltsroboter LG CLOiD von LG Electronics
Haushaltsroboter LG CLOiD von LG Electronics

Die fünf Her­aus­for­de­run­gen der Robotik

Trotz aller Erfol­ge bestehen noch immer immense Her­aus­for­de­run­gen für das inte­gra­ti­ve Design. Die fünf größ­ten lie­gen in den Berei­chen Tech­nik (Grei­fen, Wahr­neh­mung, Ener­gie­ver­sor­gung), Dau­er­be­trieb, per­fek­te Ein­bin­dung in Sys­te­me sowie ethi­sche und gesell­schaft­li­che Fra­gen. Die Königs­dis­zi­plin der Robo­tik besteht dar­in, eine mensch­li­che Hand zu repli­zie­ren, die mit ihrem per­fek­ten Spiel aus Sen­so­ren (Fin­ger­kup­pen) und Fein­me­cha­nik (Pin­zet­ten­griff) sowohl win­zi­ge Bewe­gun­gen aus­füh­ren wie schwe­re Las­ten heben kann. Dazu bedarf es aus­ge­feil­ter Sen­so­rik, um die Lage von Objek­ten im Raum (und über­haupt die Umge­bung an sich) wahr­zu­neh­men und das eige­ne Ver­hal­ten anzu­pas­sen. An der US-ame­ri­ka­ni­schen Cor­nell Uni­ver­si­ty etwa set­zen Forscher:innen auf hoch­auf­lö­sen­de Kame­ras und KI-gestütz­te Objekt­er­ken­nung, um Aus­schuss bei der Pro­duk­ti­on von Alu­mi­ni­um-Druck­guss­tei­len zu erken­nen. Es punk­tet eine Kom­bi­na­ti­on aus Deep-Lear­ning und Sen­so­rik: hoch­auf­lö­sen­de Kame­ras mit Spe­zi­al­op­tik scan­nen For­men. Dazu kommt Mus­ter­er­ken­nung in Echt­zeit. KI-gestütz­te Bil­der­ken­nung ist Men­schen schon heu­te über­le­gen und erkennt Aus­schuss schnel­ler und zuver­läs­si­ger – bei gerin­ge­ren Kos­ten. Es grenzt an Zynik, wenn Betriebswirtschaftler:innen von „mensch­li­chen Sys­te­men“ spre­chen und zum Schluss kom­men, dass Prä­zi­si­on, Geschwin­dig­keit und Wirt­schaft­lich­keit für mehr Indus­trie­ro­bo­ter sprä­chen. Kos­ten sind denn auch der Haupt­trei­ber für immer mehr Robo­tik in Pro­duk­ti­on – und bald auch im All­tag. Allein der deut­sche Markt für huma­no­ide Robo­ter soll von 109,97 Mil­lio­nen USD im Jahr 2024 auf 1.161,81 Mil­lio­nen USD bis 2033 wach­sen (finanzen.net). Das spre­chen­de Fazit: „Huma­no­ide Robo­ter ste­hen kurz vor dem Sprung von der For­schung in die indus­tri­el­le Mas­sen­pro­duk­ti­on, wobei Tes­la und BYD bereits ab 2025 den Ein­satz in eige­nen Fabri­ken planen.“

Waren es frü­her vor allem sta­tio­nä­re Indus­trie­ro­bo­ter von ABB, KUKA oder Yas­ka­wa, etwa Sechs­achsro­bo­ter zur Mon­ta­ge und zum Schwei­ßen, die zum Schutz mensch­li­cher Kolleg:innen fest instal­liert hin­ter Git­tern wer­kel­ten, sind es zuneh­mend mobi­le Logis­tik­ro­bo­ter (Bos­ton Dyna­mics: Spot, Stretch, neu­er Atlas) und soge­nann­te Cobots, kol­la­bo­ra­ti­ve Robo­ter, die gemisch­te Fer­ti­gungs­li­ni­en prä­gen. Immer mehr ver­schiebt sich der For­schungs­schwer­punkt auf Huma­no­ide, die mit ihren Kol­le­gen am Band ste­hen (oder im Haus­halt hel­fen). Dabei set­zen die Entwickler:innen auf KI‑basierte Wahr­neh­mung sowie „vir­tu­el­les Trai­ning“ in digi­ta­len Zwil­lings­ar­chi­tek­tu­ren. Soft­ware und Robo­tik sind längst zusam­men­ge­wach­sen und Andro­iden sind kei­ne Sci­ence-Fic­tion mehr. Aber sie müs­sen noch eini­ges ler­nen, wol­len sie auch im häus­li­chen All­tag bestehen. Das beginnt bei ech­ter, feh­ler­frei­er Fein­mo­to­rik und endet bei der Wahr­neh­mung, wol­len sich Ser­vice-Robo­ter je auto­nom in unstruk­tu­rier­ten Umge­bun­gen (Haus­halt, Kli­nik, Außen­be­reich) bewegen.

Mes­sia­ni­sche Botschaften

Die gesell­schaft­li­che Dyna­mik der Robo­tik ist nicht zu unter­schät­zen. Expert:innen rech­nen in den 2030er Jah­ren mit Mil­lio­nen ersetz­ter Arbeits­plät­ze. Men­schen müs­sen sich einer­seits stän­dig höher qua­li­fi­zie­ren, wol­len sie nicht ihren Job ver­lie­ren, ande­rer­seits wir­ken Robo­ter schein­bar dem zuneh­men­den Fach­kräf­te­man­gel und dem demo­gra­fi­schen Wan­del ent­ge­gen. Doch halt: Was am Band funk­tio­nie­ren mag, wird daheim und in der Pfle­ge zu einem ech­ten Pro­blem: Huma­no­ide Assis­tenz­sys­te­me direkt am Men­schen erfor­dern kla­re Regeln bei Sicher­heit, Haf­tung, Daten­schutz und nicht zuletzt Ethik. Es geht um Wür­de. Kein Wun­der, dass Gewerk­schaf­ten, Wohl­fahrts- und Bran­chen­ver­bän­de an Nor­men und Leit­li­ni­en feilen.

Über­dies schei­nen sich Mensch­heit und Robo­tik von zwei Sei­ten anzu­nä­hern: Wäh­rend Huma­no­ide intel­li­gen­ter und sen­si­bler wer­den, schei­nen wirf dem Weg zu Cyborgs: Exo­ske­let­te ent­las­ten Lagerarbeiter:innen, Han­dys las­sen uns ver­stum­men, auch wenn wir uns direkt gegen­über­sit­zen. Tech­nik ist unse­re zwei­te Natur gewor­den, ohne die wir nicht mehr „funk­tio­nie­ren“. Zugleich wer­den mes­sia­ni­sche Heils­bot­schaf­ten ver­brei­tet: Elon Musk sieht in Tes­las huma­no­iden Robo­ter „Opti­mus“ nicht nur „das größ­te Pro­dukt aller Zei­ten“, er fabu­liert davon, dass Arbeit optio­nal wer­de, weil Maschi­nen den Groß­teil der not­wen­di­gen Pro­duk­ti­on über­näh­men. Robo­tik wer­de nach Musk nicht nur Pro­duk­ti­vi­tät stei­gern, sie kön­ne auch Armut besei­ti­gen, weil sie Güter und Dienst­leis­tun­gen bil­lig mache und so ein hohes mate­ri­el­les Wohl­stands­ni­veau für alle ermög­li­che. Ähn­li­che Ver­spre­chen gab es schon eini­ge in der Geschich­te der Mensch­heit. Bis­lang erwie­sen sich alle als lee­re Worte.

Titel­bild: NAO (Aca­de­mic Edi­ti­on), 2008, Alde­ba­ran Robo­tics, Paris, Frank­reich. Foto: Die Neue Samm­lung (K. Mewes) | Leih­ga­be von Gor­don Cheng, Lehr­stuhl für Kogni­ti­ve Sys­te­me, Tech­ni­sche Uni­ver­si­tät München

Über den Autor:

Dr. Oli­ver Herwig 

Dr. Oli­ver Her­wig arbei­tet als Jour­na­list und Mode­ra­tor in Mün­chen. Er unter­rich­tet Design­theo­rie an der Kunst­uni­ver­si­tät Linz, mode­riert Tagun­gen und Podi­ums­ge­sprä­che (u. a. Baye­ri­sche Archi­tek­ten­kam­mer, Poli­ti­sche Aka­de­mie Tutz­ing). Für sei­ne Arbei­ten wur­de er viel­fach aus­ge­zeich­net, unter ande­rem mit dem „Karl-Theo­dor-Vogel-Preis für her­aus­ra­gen­de Technik-Publizistik.“

Foto: Mari­an Wilhelm