In unserem Leben gibt es so gut wie nichts, das nicht gestaltet ist: Physische Gegenstände von der Kaffeetasse am Morgen bis zur Bettdecke am Abend, Räumliches wie eine Ausstellung oder ein Laden, aber auch Digitales, das ohne Design gar nicht nutzbar wäre. Doch Design ist nicht nur greif- und sichtbar, es wirkt weit über unsere fünf Sinne hinaus. Es weckt Emotionen, baut gesellschaftliche Brücken und stärkt nicht zuletzt Marken. Ein Talk begleitend zur Ausstellung »Was kann Design?« im Neuen Museum in Nürnberg machte dies nochmals deutlich.
Nadine Vicentini, Geschäftsführerin bayern design betonte in ihrer Begrüßungsrede vor ausverkauftem Haus die Vielschichtigkeit der kreativen Disziplinen: »In fast 40 Jahren hat bayern design ein sehr dichtes Netzwerk aufgebaut, das zeigt, wie Design in unterschiedlichsten Bereichen wirksam wird.« Im Anschluss erläuterte Kilian Fabich, verantwortlich für die Konzeption und Programmentwicklung bei bayern design, die inhaltliche Struktur der Ausstellung: Ausgehend von zentralen Megatrends wie Nachhaltigkeit, Digitalisierung und gesellschaftlichem Wandel wurden neun Themenfelder entwickelt, die das Potenzial von Design aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. »Design hat die Fähigkeit, in Zeiten des Wandels unser Wahrnehmen, Verhalten und Denken zu beeinflussen«, so Kilian Fabich. Diese Feststellung untermauerten schließlich fünf Designerinnen und Designer in ihren Projektvorträgen.
Die unterschiedlichen Vorträge machten deutlich, dass Design weit mehr als Formgebung ist. Erst die Funktion macht aus Design ein gutes Design:
Den Anfang machte Simon Kindler, Teamleiter Industriedesign bei HYVE, der mit enna ein intuitives Kommunikationssystem für Senior:innen vorstellte. Dieses Projekt begann 2016 mit einer einfachen, aber berührenden Idee: Gründer Jakob Bergmeier wollte seiner Großmutter ermöglichen, digitale Nachrichten, Bilder und Sprachnachrichten zu empfangen – ohne Computerkenntnisse, Tastatur oder Maus. Aus ersten Aluminiumplatten, Knöpfen und einem Bildschirm entstand ein Prototyp, der eine einfache Kommunikation ermöglichte. Mit dem Aufkommen von Tablets und intuitiven Oberflächen einige Jahre später nahm das zunächst private Projekt eine professionelle Form an: HYVE setzte das Konzept von Jakob Bergmeier technisch sowie in einer zielgruppengerechten Formgebung um und führte es zur Marktreife. Statt komplizierter Apps können Senior:innen nun ein intuitives System nutzen, bei dem Funktionen durch das Auflegen einer physischen Karte ausgelöst werden. Das barrierearme Produkt erleichtert somit die digitale Teilhabe und ist somit Brückenbauer zwischen den Generationen.
»Wir wollten kindlich, aber nicht kindisch gestalten«, hielt Andreas Koop während seines Vortrags fest, der das Leitsystem für das kbo-Kinderzentrum in München zum Thema hatte. Inspiration für das Design lieferte dabei ein japanisches Haiku von Kobayashi Issa: »Die kleine Schnecke, ganz langsam, steigt sie hinauf, auf den Berg Fuji.« Als Leitmotiv für Geduld, Behutsamkeit und den Weg der kleinen Schritte finden sich daher Holzschnecken an den Wänden des Zentrums. Sie ziehen ihre Spuren über Treppen, verbinden Ebenen und Zimmer und leiten in Kombination mit einer durchdachten Farbcodierung Kinder und Besucher:innen intuitiv. Für den Außenbereich konzipierte die designgruppe koop zudem eine markante Skulptur: Eine überdimensionale Schnecke kriecht vor dem Eingang eine Rampe empor und trägt die poetische Botschaft des Haikus als unvergessliches Aushängeschild nach außen.
Eigentlich galt die Passion von Bitten Stetter dem Modedesign, doch als sie sich plötzlich in einem fragilen Care-Setting wiederfand und ihre Mutter im Hospiz begleitete, änderten sich ihre Prioritäten schlagartig: »Mir wurde bewusst, dass es kaum Design für die letzte Lebensphase des Menschen gibt«. Auf der Suche nach Pflege- und geeigneten Hilfsmitteln schickte man sie wahlweise in die Baby- oder Haushaltswarenabteilung, um das zu kompensieren, was einfach noch nicht gestaltet worden war. Aus dieser Erfahrung heraus entstanden ihre ersten Entwürfe wie Kleider in warmen Farben zum Wenden, ästhetisches Patientengeschirr und bunte Sichtschutzvorhänge. »Wir Menschen sind keine Maschinen«, sagt sie, »und trotzdem begegnet uns in der Pflege oft sterile Funktionalität.« Bei der Gestaltung ihrer Objekte berücksichtigt sie demnach immer die physische, insbesondere aber die emotionale Fragilität der Nutzer. Die Materialien fühlen sich angenehm an und die Formgebung ist intuitiv. Inzwischen werden diese Objekte von Privatpersonen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen genutzt und es gibt bereits neue Anfragen für funktionale, modische Kleidung, die beispielsweise bei einer Strahlentherapie getragen werden kann.
Canyon zählt heute zu den bekanntesten Fahrradmarken im Premiumbereich – doch der Weg dorthin war ein steiniger. Gründer Roman Arnold erfand das Rad im Jahr 1996 sprichwörtlich neu und entwickelte ein Mountainbike, das seinen eigenen hohen Ansprüchen gerecht wurde. Der Erfolg ließ zunächst auf sich warten, doch mit der Beauftragung der Münchner Agentur KMS, Canyon auf solide Markenfüße zu stellen, ging es bergauf. Ein revolutionärer Schriftzug, der den Winkel des Fahrradrahmens aufgriff und in steilen, angeschnittenen Lettern Dynamik visualisierte, sorgte für ein prägnantes Statement, das bis heute das Gesicht des Unternehmens ist. Jedes Element in der Kommunikation wird seither konsistent für alle Kanäle ausgearbeitet: »Durch die enge, langjährige Zusammenarbeit konnte die Marke kontinuierlich weiterentwickelt werden – digital wie analog – und wurde so zu einem differenzierten Player in einem hart umkämpften Marktsegment«, erzählte Patrick Märki, Creative Director bei KMS.
Nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich kann Design viel bewirken. Oftmals liegen hierin auch die Lösungen, die ein verträgliches Miteinander von Mensch und Natur gewährleisten. Industriedesigner Andreas Lang stellte die so beeindruckende wie innovative Straßenlaterne Papilio vor, die er mit Tobias Trübenbacher entwickelte. Gleich zu Beginn verdeutlichte er dabei eines der großen Probleme der Zivilisation: die Lichtverschmutzung. An keinem Ort der Erde würde noch natürliche Dunkelheit vorherrschen, setzte er seiner Präsentation voraus, und deutete damit bereits einen Vorteil von Papilio an. Deren textilen Rotorflächen erzeugen überdies die benötigte Energie, wobei überschüssiger Strom ins Netz eingespeist werden kann. Abends erfüllt die Laterne ihren eigentlichen Zweck und spendet warme Helligkeit nach unten, um die Lichtverschmutzung gering zu halten. Somit verschmelzen im ersten Pilotprojekt von Papilio für die Stadt Esbjerg (Dänemark) nachhaltige Technik und urbane Ästhetik und schlagen eine Brücke zwischen menschlichen Bedürfnissen und ökologischer Rücksichtnahme.
Mit viel Applaus entließ Moderatorin Nadine Kussinger von bayern design das Publikum anschließend zum Networken und bei einem Rundgang durch die ausgestellten Exponate konnten auch den Sprechern noch individuelle Fragen gestellt werden.
Noch bis Mitte 2026 besteht die Möglichkeit, Design mit anderen Augen zu sehen. Wer es nicht nach Nürnberg schafft, dem sei die begleitende Publikation empfohlen, die im Emil Verlag bestellt werden kann.
Prof. Bitten Stetter hat eine Professur für Trends & Identity an der Zürcher Hochschule der Künste leitet dort den Master seit 2008 die Forschung seit 2014 mit dem Schwerpunkt Care Futures und doziert im Bachelor seit 2006. Als dipl. Designerin (HAW Hamburg) unterrichtet sie an verschiedenen Hochschulen gewann mit ihrem Label diverse Preise kuratierte Ausstellungen wie fashion talks und publizierte Bücher wie Moralphobia(Hg.). Im Rahmen von sterbesettings.ch (SNF) und ihres PhDs Things of Dying exploriert und designt sie Care-Angebote für die letzte Lebensphase. Dafür gründetet sie Final Studio und das Lifestyle-Brand finally.. Eine Wissenplattform Plattform mit sorgetragende Produktenfür fragile Zeiten im Leben.
Patrick Märki ist Managing Partner bei KMS TEAM. »Design ist ein Weg und kein Gesetz. Design ist die Visualisierung von Haltung«, so Patricks Überzeugung. Dabei kam der gebürtige Schweizer über Umwege zum Design: Vor seinem Abschluss als Kommunikationsdesigner an der Schule für Gestaltung in Basel studierte er Piano und Waldhorn. Die Kunst, auf verschiedenen Ebenen Harmonien herzustellen, und der Mut, mit Improvisationen etwas vollkommen Neues zu schaffen, zeichnen ihn aus. Dabei verliert er niemals das gemeinsame Ziel aus den Augen. Er hat unter anderem zukunftsfähige Gestaltungssysteme für Audi, Bentley Motors, Canyon Bicycles, JINS, Porsche Motorsport, die Universität Heidelberg, VW und die Zürcher Kantonalbank geschaffen.
Der Industriedesigner Andreas Lang ist auf zukunftsfähige Produkte, technologische Innovation und zirkuläre Systeme spezialisiert. Er versteht Design als kreatives Werkzeug, um nicht nur Objekte, sondern auch die dahinterliegenden Systeme neu zu denken und verantwortungsvoll zu gestalten. Nach seinem Abschluss im Industriedesign an der Hochschule München und Erfahrungen als Designer im Atelier Steffen Kehrle arbeitet er seit 2023 selbstständig an Lösungen für komplexe Herausforderungen wie die Energiewende und eine nachhaltige Stadtentwicklung. In seinen Projekten verbindet er gestalterischen Anspruch mit technischem Verständnis, ökologischer Verantwortung und gesellschaftlicher Relevanz. Für ihn sind interdisziplinäre Zusammenarbeit sowie der Austausch von Wissen und Fähigkeiten entscheidend, um wirksame Lösungen für aktuelle Herausforderungen zu entwickeln.
Simon Kindler ist Industriedesigner und Practice Lead Concept & Industrial Design bei HYVE in München. Seit 2013 ist er im Bereich Design & Innovation tätig und hat für Kunden wie Hilti, Bora, Linde, CWS und viele anderen gearbeitet.
Andreas Koop ist Gründer und Inhaber der designgruppe koop – ein vielfach international ausgezeichnetes Büro im Allgäu. Seit 1995 wird dort auf den Bereichen Identität/Strategie, Kommunikation, Signaletik und Szenografie gearbeitet. Er ist Dipl.-Designer (sfg) und erwarb einen Master of Advanced Studies am Institut Design2context von Ruedi Baur an der Zürcher Hochschule der Künste. Seit vielen Jahren unterrichtet er selbst an verschiedenen Hochschulen, ist in diversen Jurys und Fachbeiräten tätig. Koop verbindet in seinem Schaffen die Bereiche Forschung, Lehre, Theorie und Praxis. Bekannt ist er durch zahlreiche Publikationen, Fachbücher und die Kolumne »designaspekte« in der »novum«. Die designgruppe koop will Veränderung gestalten – mit Design als Methode hin zu weniger Barrieren, mehr Vielfalt und einer wirklichen Nachhaltigkeit. Ökologische, soziale und ökonomische Aspekte auszubalancieren ist die zentrale Aufgabe. Andreas und Nadine Koop sind dazu seit langem an Hochschulen, in Jurys und Fachbeiräten tätig, publizeren umfangreich, halten Vorträge. Das 1995 gegründete Büro hat zahlreichen internationale Auszeichnungen erhalten und konzentriert sich auf inklusive Signaletik und Szenografie, Identität und Kommunikation.
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