Über tausend Menschen täglich. Gespräche zwischen Robotikexpert:innen und Schreiner:innen, zwischen Kreativschaffenden und dem Nachwuchs. Ein Staatsminister, der sich Filzexperimente erklären lässt. Und mittendrin: drei Holzschaukeln, auf denen es sich im Messetrubel kurz zur Ruhe kommen ließ. Vom 4. bis 8. März 2026 wurde der bayern design Stand auf der Internationalen Handwerksmesse zu einem Ort, an dem nicht nur ausgestellt, sondern gedacht, gemacht, gefühlt und getestet wurde.
Unter dem Leitmotiv »Kopf, Hand, Herz« zeigte bayern design, welche Fähigkeiten und Haltungen aus Design und Handwerk heute wichtig sind – und wie sie produktiv zusammenkommen. Die Ausstellung präsentierte Projekte aus Bayern und darüber hinaus und wurde zu einem lebendigen Treffpunkt für Designer:innen, Handwerker:innen, Interessierte, Politik und Presse.
bayern design zeigte auf der Internationalen Handwerksmesse, wie sich Design und Handwerk gegenseitig stärken. Rund 850 Aussteller aus etwa 50 Ländern präsentierten ihre Produkte auf der Messe, die seit über 75 Jahren zu den wichtigsten Plattformen für Handwerk und Innovation in Europa zählt.
Das kuratorische Konzept des 150 m² großen Ausstellungstandes war bewusst klar formuliert: Gute Gestaltung beginnt im Kopf. Sie wird greifbar in der Hand. Ihre Wirkung entfaltet sie im Herzen. Handgefertigte Produkte wurden dabei nicht als nostalgische Relikte verstanden, sondern als zeitgenössische Positionen – als Orte, an denen Materialwissen, Gestaltung und technologische Innovation zusammenkommen. Die drei Perspektiven »Kopf, Hand, Herz« strukturierten sowohl die Auswahl der Projekte als auch die räumliche Gestaltung. Eine offene Holzarchitektur schuf Atmosphäre und Orientierung zugleich. Täglich besuchten über tausend Menschen den Stand – Fachleute aus Handwerk und Kreativwirtschaft ebenso wie Jugendliche auf Berufsorientierung.
Eine echte Besonderheit: Zu allen Exponaten waren die Designer:innen – und teilweise auch die Handwerker:innen – selbst am Stand. Sie erklärten ihre Projekte, beantworteten Fragen, erzählten Geschichten, die sonst nicht Teil der offiziellen Pressetexte oder Projektbeschreibungen sind.
Simon Vorhammer präsentierte mit formfeld algorithmisch gestaltete Holzoberflächen. Ausgangspunkt war eine konkrete akustische Herausforderung im Münchner Club Blitz: Die Musikanlage war für deutlich größere Räume ausgelegt. Gemeinsam mit der Schreinerei Josef Obermaier entwickelte Vorhammer daraufhin akustisch optimierte Wandpaneele. Digitale Entwurfsprozesse und handwerkliche Fertigung greifen hier unmittelbar ineinander.
Ein anderes Projekt widmete sich europäischer Schafwolle. Mareen Baumeister stellte mit FLOCK ein robotisches Werkzeug vor, das dreidimensionales Filzen ermöglicht. Hintergrund ist ein strukturelles Problem: Große Mengen Wolle werden entsorgt, weil sie für Kleidung zu grob ist. Das Tool arbeitet mit über hundert Filznadeln und ermöglicht Materialstrukturen mit unterschiedlichen Festigkeiten – von stabil und tragend bis weich und flexibel. Unterstützt wurde das Projekt durch einen Cobot von Universal Robots »Wir wollten zeigen, dass auch vermeintliche Reststoffe ein enormes gestalterisches Potenzial haben – wenn man Material und Technologie zusammen denkt«, so Baumeister.
Beide Projekte zeigen, was der Kopf zum Gestaltungsprozess beiträgt: Er analysiert Bedürfnisse, entwickelt Strategien, denkt Zukünfte. Er erschließt neue Perspektiven für Materialien und Technologien – und macht damit Wege sichtbar, die ohne diese konzeptionelle Arbeit verborgen blieben.
Ein Clay-Modell aus einem BMW Design Modeling Workshop der Berufsfachschule für Produktdesign Selb zog besonders viele junge Besucher:innen an. Designer und Fachlehrer für Produktionsdesign Konrad Gräßler erklärte, warum das Modellieren mit Ton auch im digitalen Zeitalter eine zentrale Rolle spielt: Form und Proportion lassen sich mit den Händen anders erfassen als am Bildschirm. Das physische Modell wird damit zu einem Werkzeug des Denkens.
Auch im Bereich neuer Materialien zeigte sich, wie eng Forschung und handwerkliche Praxis zusammenwirken. Die TUM-Studierenden Jonathan Wahl und Anton Scherer präsentierten ihre Forschung zu strukturell tragenden Hanfbausteinen. Während Hanf bislang vor allem als Dämmstoff eingesetzt wird, erreicht ihr Baustein eine Druckfestigkeit von bis zu fünf Tonnen auf zehn mal zehn Zentimetern.
Ein weiteres Beispiel für die Verbindung von Tradition und zeitgenössischer Gestaltung waren die KARAK-Ofenkacheln. Sie entstehen im japanischen Raku-Verfahren, bei dem glühende Keramiken aus dem Ofen genommen und unter kontrollierten Bedingungen abgeschreckt werden. Feuer, Luft, Wasser und Erde hinterlassen dabei jeweils eigene Spuren – jede Oberfläche wird zum Unikat.
Das leistet also die Hand: Sie macht Ideen greifbar, schafft haptische Erfahrungen, ermöglicht Individualität. Sie experimentiert mit Material, testet Prototypen, erfühlt Qualität und erlaubt Unperfektion.
Die AEKI-Hocker von RELVÃOKELLERMANN und AUERBERG wurden von vielen Besucher:innen ausprobiert. Besonders auffällig sind die bewusst sichtbaren Holzverbindungen, die die Konstruktion offenlegen. Die Idee dahinter: ein Möbel zu entwerfen, das so lange hält und benutzbar bleibt, wie ein Baum zum Wachsen braucht. Gefertigt wird AEKI in Oberbayern aus PEFC-zertifiziertem Eichenholz. Die Botschaft ist klar: Wertschätzung für Material, Können und Langlebigkeit.
Ein besonderes Gespräch entwickelte sich rund um die Tischleuchte Colo des Designers Gregor Faubel, entstanden in Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Nymphenburg. Inspiriert von japanischen Papierlaternen verbindet sie minimalistische Form mit der handwerklichen Präzision traditioneller Porzellanproduktion. Die Zusammenarbeit entstand aus einem persönlichen Austausch zwischen Designer und Manufaktur, ein Beispiel dafür, wie Kooperationen zwischen Design und Handwerk häufig aus langfristigen Beziehungen entstehen – aus gegenseitigem Respekt und echtem Interesse.
Hier zeigt sich, was das Herz zum Gestaltungsprozess beiträgt: Es macht handwerkliche Erzeugnisse verständlich, benutzerfreundlich und attraktiv. Es schafft emotionale Verbindungen, erzählt Geschichten, zeigt Wertschätzung. Produkte werden zu Trägern von Kultur und Haltung – zu mehr als nur funktionalen Objekten.
Während der Messetage entwickelte sich der Stand zu einem lebendigen Treffpunkt. Das Begleitprogramm mit Kurzvorträgen trug wesentlich dazu bei. Andreas Bunsen beschrieb seine in der Mitte des Standes hängenden Hutschn-Schaukeln als »eine Lebenseinstellung – ein Moment der Langsamkeit, der Sorgfalt«. Genau das wurde spürbar, wenn Erwachsene im Messetrubel kurz innehielten und schaukelten.
Dabei wurde deutlich, wie unterschiedlich die Zugänge sein können – und wie produktiv ihre Verbindung ist. Der Stand wurde zu einem Ort, an dem nicht nur Projekte präsentiert, sondern auch Ideen weiterentwickelt wurden. Das zeigte sich in spontanen Gesprächen zwischen Designer:innen, Handwerker:innen und Technologieanbietern – etwa beim Austausch zwischen Schreiner Korbinian Gärtner, Designer Simon Vorhammer und Robotikexperte Michael Hartl von Universal Robots.
Die Ausstellung hat gezeigt, wie vielfältig die Verbindung von Design und Handwerk heute sein kann – von algorithmisch gestalteten Holzoberflächen über robotisch gefilzte Möbel bis zu handgepressten Bausteinen aus Hanf. Dabei wurde deutlich: Handwerk ist nicht nur Tradition, sondern auch ein Feld für Forschung, Materialexperimente und neue Geschäftsmodelle. Design kann dabei helfen, diese Entwicklungen anzustoßen, sichtbar und zugänglich zu machen. Und manchmal genügt dafür eine einfache Holzschaukel, auf der Menschen im Messetrubel kurz innehalten – und spüren, was gut gestaltetes Handwerk bedeutet.
Mit der Ausstellung richtete sich bayern design an Handwerker:innen, junge Menschen in der Berufsorientierung, Gestalter:innen sowie an ein interessiertes Publikum. Ziel ist es, Design und Handwerk als gemeinsames Zukunftsfeld sichtbar zu machen – als gleichwertige Partner auf Augenhöhe. Die Ausstellung wurde vom Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie gefördert.
„Gutes Design macht Handwerk und Wirtschaft zukunftsfähig. Auf der IHM und besonders auf dem Stand von bayern design sieht man: Wenn Handwerk und Design Hand in Hand gehen, entstehen Produkte mit Mehrwert, die gut funktionieren, sicher sind und dabei noch gut aussehen. Das stärkt unsere Betriebe und macht Bayern zur Marke für intelligente Lösungen.“
Hubert Aiwanger, Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie
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Schaukeln fürs Leben: 15 handwerkliche Schritte, zehn Jahre luftgetrocknetes Eichenholz, gespleißte Seile. Ein Herzensprojekt aus dem Berchtesgadener Land.
Abbildung: Martin Morscher
Colo. Hauchdünnes Porzellan aus Nymphenburg trifft mundgeblasenes Glas von Theresienthal. Wenn Licht den Glasfuß durchströmt, leuchtet der Schirmsaum farbig.
Abbildung: Porzellan Manufaktur Nymphenburg
Jede Keramikfliese ein Unikat: 30-mal in die Hand genommen, bei 900 Grad gebrannt, in Sägemehl gelegt – die japanische Raku-Technik aus Vorarlberg.
Abbildung: KARAK
Algorithmen erzeugen einzigartige Holzoberflächen – jede wie ein Fingerabdruck. Mathematische Präzision trifft auf traditionelles Schreinerhandwerk.
Abbildung: Simon Vorhammer
Aus ungenutzter Schafwolle wird ein kreislauffähiger Hocker. Ein robotisches Werkzeug formt dreidimensionale Strukturen – rein mechanisch, monomateriell.
Abbildung: Mareen Baumeister
Clay-Modell: Von der Hand zum Pixel: Dieses BMW-Konzeptmodell durchläuft den kompletten Designprozess – von händisch geformtem Ton bis zur fotorealistischen Visualisierung.
Abbildung: Darius Bulicke
innoLith: Die Möglichkeiten biobasierter Materialien – TUM-Studierende erforschen, wie aus Hanf, Kalkpulver, Bausand und Gelatine per Hand gepresste Blöcke zum Bauen entstehen.
Abbildung: Anton Scherer & Jonathan Wahl
CarpetDiscussions: Ein von TUM-Studierenden getufteter Teppich, der süddeutsche Agrarlandschaften abbildet und als Gesprächsanstoß dient. So werden regionale Wertschöpfungsketten und Materialkreisläufe greifbarer.
Abbildung: Johanna Roth, Laura Schieferdecker
AEKI: Tritthocker, Nachttisch, Beistelltisch zugleich. Gewinkelte Beine sorgen für skulpturale Form. Gefertigt in Oberbayern – ein Möbel fürs Leben.
Abbildung: AUERBERG
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