Entlang der vier Leitprinzipien – Empowering the Creative Self, Exploring the Creative Field, Turning Ideas into Action und Creating Visions that Enrich – wurde der Summit inhaltlich strukturiert: Keynotes, Vorträge und Panels griffen diese Prinzipien gezielt auf und machten sie aus unterschiedlichen Perspektiven erlebbar. Wie auf einem Spielfeld entstand so ein Raum voller Neugier, Austausch und Experimentierfreude, in dem Ideen entstehen, Konzepte Gestalt annehmen und Visionen für eine gestaltbare Zukunft wachsen konnten.
Am 04. Mai 2026 kamen im Munich Urban Colab internationale Designer:innen, Vordenker:innen und Entscheider:innen zusammen, um neue Perspektiven auf die Rolle von Design im Spannungsfeld von Technologie, Gesellschaft und Kreativität zu entwickeln. Mit fast 400 Teilnehmer:innen beim Summit und dem anschließenden Get-together wurde deutlich: Der Bedarf an Austausch, Orientierung und gemeinsamer Zukunftsgestaltung ist größer denn je. Dabei bot das Get-together nicht nur einen inspirierenden Ort für authentisches Networking, sondern lud – ganz im Sinne eines spielerischen Möglichkeitsraums – auch zu interaktiven Add-on-Aktionen ein.
Eröffnet wurde der Design Summit von Nadine Vicentini, Geschäftsführerin von bayern design. Sie beschrieb die mcbw als Raum für neue Ideen, Bewegungen, Reibung und Perspektiven, an dem Design seine gesellschaftliche und wirtschaftliche Wirkung entfalten kann und an dem Menschen aus den unterschiedlichsten Bereichen von Design zusammenkommen, die sich sonst vielleicht nie begegnen würden.
Hubert Aiwanger, Staatsminister für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, unterstrich die wachsende Bedeutung von Design – besonders in Zeiten künstlicher Intelligenz. Es hilft dabei, komplexe Systeme zu verstehen, zirkulär zu denken und Zukunft aktiv zu gestalten. Dass München heute nicht nur als Hotspot für Tech‑Start-ups, sondern auch als internationale Design- und Kreativstadt wahrgenommen wird, ist nicht zuletzt der mcbw zu verdanken.
Lisa Braun, Projektleiterin der mcbw sowie Dr. Olaf Kranz, Leiter Kreativ München, betonten die gemeinsam die Bedeutung von Design als strategische, verbindende und zukunftsgestaltende Kraft. Design hilft uns, vom reinen Reagieren ins Agieren zu kommen. Es gibt Richtung, stiftet Sinn und schafft Bedeutung – genau dort, wo Unsicherheit und Geschwindigkeit zunehmen. Leonard Nima führte mit einer belebenden Moderation durch den Tag.
Ob als kreatives Experiment, als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel oder als Methode zur Sinnstiftung – Design wurde beim Summit als gestaltende Kraft sichtbar, die weit über Problemlösung hinausgeht. Gerade im Spannungsfeld von Unsicherheit, technologischen Umbrüchen und globalen Herausforderungen wurde deutlich: Design schafft Bedeutung. Design eröffnet Möglichkeitsräume.
– Design gibt Orientierung und Bedeutung. Wie die zukünftige Welt gestaltet sein wird, ist eine menschliche Entscheidung – sie lässt sich nicht an KI delegieren. – Kreativität erweitert unseren Blick. Design entdeckt neue Spielräume: von Nahrungsmitteln über die Art, wie wir zukünftig arbeiten werden, bis hin zu gesellschaftlichen Prozessen. – Design hilft Unlösbares zu lösen. Gestaltung kann den Weg aufzeigen, wie scheinbar unlösbare, „wicked Problems“ Schritt für Schritt gelöst werden können – Editing statt Erasing. Design vermag es eindrucksvoll in die Zukunft zu denken und gleichzeitig unser kulturelles Erbe mitzunehmen und weiterzuentwickeln! – Keine Innovation ohne kreative Menschen. Kreativität ist kein Luxus, sondern Grundlage für Kultur, Wirtschaft und gesellschaftlichen Fortschritt.
„Viele Menschen haben Angst vor KI, dabei eröffnet sie neue Möglichkeiten für Kreativität und Multiperspektivität.“
Friedrich von Borries, Professor für Designtheorie an der HFBK Hamburg, stellte mit GetMinds ein Start‑up vor, dass die Erstellung von KI-Personas ermöglicht, die auf realen oder fiktiven Personen basieren.
Das Besondere dabei ist, dass das Start-up die KI-Modelle mit künstlerischen und kritischen Denkweisen trainiert hat. Die KI-Personas sollen so kreative Menschen gezielt empowern und sie beispielsweise als Sparringpartner in der Produktentwicklung oder bei der Beratung von Unternehmen und Organisationen unterstützen
Mit ihrem 2005 in London gegründeten Studio entwickelt die finnische Gestalterin, Autorin und Happiness-Facilitatorin Emmi Salonen seit vielen Jahren ein Designverständnis, das weit über klassische Formfragen hinausgeht. Ihr Konzept der Positive Creativity fragt danach, wie Gestaltung Menschen verbinden, Wohlbefinden fördern und nachhaltige Entscheidungen unterstützen kann. Im Zentrum steht ihr Creative Ecosystem: ein Modell, das Kreativität als interdependentes System versteht, beeinflusst von Bewegung, Beziehungen, Neugier und innerer Balance.
„Kreativität hängt mit allem in unserem Leben zusammen.“, sagt Salonen. „Damit wir kreativ bleiben, brauchen wir nährende Impulse.“ Dabei geht es ihr nicht um Effizienz oder Selbstoptimierung. „Mein Ansatz ist kein Produktivitäts-Tool, sondern eine Haltung gegenüber sich selbst und der Welt.“
Salonen erforscht daher Prinzipien eines gesunden und nachhaltigen Designprozesses. Nach ihr funktioniert Kreativität etwa nur durch Momente der Neugier, des Innehaltens, der Bewegung und der Leidenschaft. Diese Momente fördern die Selbstwertschätzung, dienen als Energiequelle und lassen das Ungewohnte im Gewohnten entdecken.
Hideaki Ogawa, Artistic Director des Ars Electronica Futurelab, zeigte, wie das Tandem aus Design und Kunst spielerische Innovationen ermöglicht und noch subtile Microtrends erfahrbar machen kann. Ogawa sieht Design dabei als Werkzeug, um Lösungen zu kreieren, und Kunst als Möglichkeit, Fragen zu stellen.
„Möglichkeiten an sich bedeuten noch nichts. Die entscheidende Frage lautet: Möglichkeiten wofür – und für wen?“
Er demonstrierte dies anhand eines von ihm in Linz kuratierten Projekts. „Life Ink“ erforscht, wie Werkzeuge menschliche Kreativität unterstützen können. Dazu werden mit tragbarer Technologie Gehirnwellen und Körpersignale erfasst und in Echtzeit als dreidimensionale, leuchtende digitale Tinte visualisiert, die Gedanken und Gefühle ausdrückt.
Innovation braucht Spielraum. Zeit zum Ausprobieren, zum Scheitern, zum Umdenken. Marije Vogelzang, eine der Pionier:innen im Bereich Food-Design, zeigte eindrucksvoll, wie zentrale Bereiche unseres täglichen Lebens als gestalterische Spielräume entdeckt werden können, die viel zu selten im Fokus stehen.
„Spielraum klingt vielleicht unbeschwert, aber er ist essenziell für kreative Forschung.“
Ob Produktion und Zubereitung von Nahrung, die Präsentation von Lebensmitteln oder das gemeinsame Erlebnis des Essens selbst – Nahrung ist für Menschen essenziell und verdient kreative Gestaltung, so Vogelzang. Sie zeigte dies unter anderem am Beispiel veganer Ersatzprodukte, die sonst meist nur als schlechte Kopien tierischer Produkte designt sind. Durch ihre Gestaltung fiktiver, veganer Tierwesen öffnet sie einen Gestaltungsraum, der die Qualitäten veganer Produkte auf emotionale Weise transportiert und sie in ein völlig neues Licht rückt!
Wie Design hilft, auch sehr große Ideen in einem Unternehmen umsetzen zu können, erzählte Jessie Storey, Leiterin der Produktentwicklung für Europa, den Nahe Osten und Afrika bei Steelcase. Die Idee und Herausforderung war, einen wirklich modularen und zirkulären Bürostuhl zu gestalten und produzieren – und das in einer Welt, in der die Infrastruktur für eine solche Kreislaufwirtschaft noch nicht existiert.
„Schwung entsteht dann, wenn eine Idee geteilt, gemeinsam geformt und von der Skizze einer einzelnen Person zur kollektiven Anstrengung wird.“
Anhand von sieben Gestaltungsprinzipien und Mindsets zeigte sie eindrucksvoll, wie Steelcase das dennoch geschafft hat. Es ging darum, sich als Gestalterin eine Herausforderung persönlich zu eigen zu machen, das gesamte Stakeholder-System mitzunehmen, durch Prototypen immer wieder Momente der Überzeugung im Unternehmen zu schaffen oder sich die zentrale Herausforderung als Mantra im Team immer wieder klarzumachen.
Filippo Pagliani, Partner des Architekturbüros Park Studio, zeigte, wie sie die Nachkriegsarchitektur in Mailand als Spielfeld nutzen, um nachhaltiges Denken mit kulturellem Erbe zu verbinden. Er beschreibt seine Methode dabei als Kunst des “Editing” – statt “Erasing”.
„Wir verstehen unsere Arbeit als Spielplatz der Möglichkeiten. Ein interdisziplinäres Team, das sich mit Neugier und Tatkraft zwischen kreativen Disziplinen bewegt, um die gebaute Umwelt zu gestalten.“
Für diesen beachtenswerten Ansatz des Handelns hat das Studio inhouse verschiedene Forschungsbereiche etabliert, die sich etwa der Oberflächen- und Materialforschung widmen. Zur mcbw präsentieren sie neben der Pinakothek der Moderne mit der architektonischen Installation „Wall in Translation“, die aus Hanf-Kalk-Ziegeln konstruiert wurde, ein Ergebnis ihrer Arbeit.
Design geht über handfeste Problemlösungen hinaus. Es formt Zukünfte, die das Leben vieler Menschen berühren und verändern können. Die Verantwortung von Design war Thema des letzten von Max Fraser, Editorial Director bei Dezeen, moderierten Panels. Dabei wurde eine auf den ersten Blick einfache Frage gestellt, die KI nicht beantworten kann: Was wollen wir eigentlich gestalten und was hat für uns Bedeutung?
Die Designkritikerin und Autorin Alice Rawsthorn aus London beantworte dies mit beeindruckenden Beispielen von Designprojekten, die Gestaltung als Haltung begreifen und Wandel in eine positive, inklusive Richtung lenken.
„Design ist ein Motor für Veränderung und hilft uns, Wandel jeder Art – sozial, politisch, wirtschaftlich, kulturell, technologisch oder ökologisch – so zu gestalten, dass er sich positiv auf uns auswirkt.“
Hierzu gehörten das Design inklusiver Notunterkünfte für Menschen in Gaza oder dem Einsatz von Designtools für die Berichterstattung über soziale Ungerechtigkeiten in Krisenregionen. Designer:innen arbeiten dabei mit anderen Disziplinen zusammen und nutzen neue Technologien außerhalb standardisierter industrieller Produktion, um Design neu zu denken!
Der Designtheoretiker Roberto Verganti von der Stockholm School of Economics und der Harvard Business School reflektiert die Frage mit einem Blick auf unsere Gegenwart. Er zeigte auf, dass wir uns in einer Zeit fast unzähliger, explosiver Möglichkeiten, Innovationen und Veränderungen befinden, uns jedoch oft das „Gefühl für die Richtung“ fehlt, in die wir gehen wollen.
„Wir müssen aufhören, Design nur als Problemlösung zu verstehen“, sagt er. „Meaning Making wird zur Kernkompetenz“.
In seinem gedankenanregenden Vortrag demonstrierte Verganti, wie Design prädestiniert ist, solche Visionen zu entwickeln und in Anlehnung an Klaus Krippendorff Sinn zu stiften. Und zwar durch Qualitäten, die in jeder:m Designer:in stecken: Intuition, Ehrgeiz, Zielstrebigkeit, Autorenschaft und handwerkliches Können.
Ein besonderes Highlight war auch in diesem Jahr der Open Call. Unter dem Motto „Stimmen aus der Design Community“ bot die mcbw sechs visionären Köpfen eine Bühne, um ihre Projekte zum Jahresthema 2026 zu präsentieren. Wir gratulieren den Gewinner:innen Catherine Spet, Eric Treske, Francesco Giordano, Joseph Steele, Sparsh Tyagi und Julia Maria Otte zu ihren inspirierenden Beiträgen.
Der mcbw design summit machte klar, wie wichtig Formate des Austauschs und der Wissensvermittlung sind. Die internationalen Perspektiven der Designer:innen, Unternehmer:innen und Wissenschaftler:innen aus sechs Ländern eröffneten neue, unerwartete Blickwinkel, schlugen Brücken zwischen Disziplinen, schufen Verbindungen auf Augenhöhe und ermöglichten so eine gemeinsame Diskussion über positive Zukunftsszenarien, die unsere Lebensbedingungen verbessern können.
Ob als kreatives Experiment, als Werkzeug für gesellschaftlichen Wandel oder als Methode zur Sinnstiftung – Design ist gestaltende Kraft, die weit über Problemlösung hinausgeht. Gerade im Spannungsfeld von Unsicherheit, technologischen Umbrüchen und globalen Herausforderungen wurde deutlich: Design schafft Bedeutung. Design eröffnet Möglichkeitsräume.
Fotos: © bayern design / Lukas Barth
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