Eine Glasfront in einer Unterführung. Nüchterne, klare Architektur. Vorhänge verdecken den Blick nach Innen. Du betrittst das Space Between. Diffuses Licht. Zwei Roboterarme stehen sich gegenüber, wie auf einer Bühne. Sie halten jeweils einen riesigen quadratischen Spiegel. Lichtkegel durchschneiden den Raum, prallen von den Spiegeln zurück. Es ist ruhig und nichts bewegt sich.
Du stellst dich zwischen die Roboter in der Mitte des Raumes. Spiegelst dich tausendfach, wie lauter visuelle Echos. Atmosphärischer Sound ertönt. Nachdenklich, wild und wieder ruhig. Die Roboterarme setzen sich in Bewegung, spielen mit deiner Wahrnehmung. Aus der Installation wird eine Performance. Die Betonwände werden flüssig und verfestigen sich wieder. Dein tausendfaches Spiegelbild kippt, rotiert, verschwindet und taucht wieder auf. Wer bist du? Was ist die Lieblingsversion deines Spiegelbildes?
Vom 26. bis 29. Juni 2026 zeigte bayern design im Rahmen des Nürnberg Digital Festivals 2026 die mehrfach ausgezeichnete Installation „Mirror Me“ von Andreas Schimmelpfennig, Creative Director des in Köln, Berlin und München ansässigen Designstudios Elastique. Im Space Between, einem interdiziplinären Kreativort in der Nürnberger Südstadt konnte die interaktive Cobot-Installation von den Festival-Besucher:innen erlebt werden. Zwei für die Kollaboration mit echten Menschen konzipierte Roboterarme von Universal Robots bildeten den Rahmen für eine ganz besondere Mensch-Maschine-Interaktion, dessen Ziel die die Hinterfragung des eigenen digitalen Selbstbildes ist. Denn jede:r der:die Teil der Installation sein möchte, begibt sich in eine Bühnensituation. Anschließend wird ein Social-Media-taugliches Hochformat-Video des eigenen Bühnenmoments zur Verfügung gestellt, das im eigenen Profil geteilt werden kann.
Wie Kreativschaffende die Mechanismen sozialer Medien nutzen können, wurde auch bei unserer Begleitveranstaltung im Extended Reality Theater (XRT) des Staatstheaters Nürnberg thematisiert. Caspar Weimann, Honorarprofessor:in und Mentor:in für Schauspiel an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, gab dabei unter anderem einen Einblick in das Projekt „Myke“. Dabei werden unterschiedlicher TikTok-Profile geschickt inszeniert, um gezielt Filterblasen radikaler Männlichkeitskulturen zu infiltrieren. Dabei setzen die Aktivist:innen Gegennarrative und sensibilisieren für Empathie, Achtsamkeit und Inklusion. Sarah Buser, Dramaturgin, Regisseurin und Programmiererin für partizipative Theaterprojekte, entwickelte mit den „Erzählkapseln” spekulative Zukünfte, die aus vielen verschiedenen Fragmenten bestehen. Es gibt keinen Erzählstrang, jede:r Besucher:in macht unterschiedliche Erfahrungen – eine Art analoger Algorithmus. Für Buser ist das Theater ein Raum, in dem Themen wie Social Media verhandelt werden. Denn auch wenn Social Media die größte Bühne unserer Wirklichkeit ist: Spannung entsteht im Zusammenspiel zwischen analogem und digitalem Raum.
Die Inszenierung von Erlebnissen und Erfahrungen liegt auch im Fokus der gestalterischen Tätigkeit des Designers Andreas Schimmelpfennig. Denn das, was wir aus den sozialen Medien kennen – dass jede:r eine eigene Perspektive erlebt – wird im Experience Design zum Ausgangspunkt. Elastique nutzt diese Mechanismen gezielt, um Spannung zu erzeugen und Momente zu schaffen, die die Verbindung zwischen Mensch und Marke stärken. Die inszenierten Markenerlebnisse von Elastique lassen sich als individuelle Erfahrungen auf Social Media teilen und weitertragen. Damit haben alle drei Speaker:innen gemeinsam, dass sie Momente schaffen, die Menschen emotional auf Plattformen und darüber hinaus ansprechen. Moderator Nils Corte, Leiter des XRT im Staatstheater Nürnberg, bezeichnet diese Formen der Inszenierung als gestalterische Exzellenz: gezielt platzierter, authentischer Content, der berührt.
Andreas Schimmelpfennig betont dabei die Bedeutung von Authentizität. Social Media oder KI-generierte Inhalte können uns aus seiner Perpektive nie vollständig erfüllen. Weder in der Werbung, noch auf der Bühne: „Im Theater interagieren Menschen mit Menschen – wenn wir den Menschen aus der Gleichung rausnehmen, was bleibt dann?”
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