Die Vergleiche dafür, was Künstliche Intelligenz für Gestaltung und den Arbeitsalltag bedeutet, sind vielfältig. Manche sprechen von Elektrizität als unsichtbarer Infrastruktur, andere von einer technologischen Zäsur ähnlich der Einführung der Fotografie, die einst Malerei und Illustration nachhaltig veränderte. Klar ist vor allem: KI verändert derzeit viele kreative und organisatorische Prozesse gleichzeitig. Dabei geht es nicht nur um neue Werkzeuge. KI verändert auch die Bedingungen, unter denen Gestaltung entsteht, und beeinflusst auch maßgeblich die Ergebnisse. Prozesse werden dynamischer, Autorenschaft fluider, Entscheidungen entstehen zunehmend im Zusammenspiel zwischen Menschen und Systemen. Wer heute gestaltet, arbeitet deshalb nicht mehr ausschließlich an fertigen Ergebnissen, sondern ebenso an den Regeln, Strukturen und Kontexten, innerhalb derer diese Ergebnisse entstehen.
Entsprechend entstehen aktuell vielerorts neue Weiterbildungsangebote, die KI nicht nur technisch, sondern strategisch und kulturell betrachten, darunter Seminare der bayern design Academy. Zum Auftakt sind Perspektiven geplant: Prozesse, Ethik, Marken und Leadership.
Denen, die tiefer in das Thema KI einsteigen möchten, legen wir unsere „About AI“ Seminare der bayern design Academy ans Herz – das erste Seminar About AI & Design Processes findet bereits am 10. Juli statt.
Der Wandel lässt sich besonders gut in der Designpraxis beobachten. Yuhki Yamashita, Chief Product Officer bei Figma – einer Plattform, deren aktive Nutzer:innen heute zu rund zwei Dritteln keine klassischen Designer:innen mehr sind – beschreibt KI weniger als Ersatz kreativer Arbeit, denn als Verschiebung gestalterischer Kompetenzen: Mit automatisierten, algorithmischen Systemen werde die handwerklich-kreative Fähigkeit wichtiger, »sie machen das Denken hinter Design wichtiger als je zuvor.«
Historisch betrachtet war Gestaltung immer eng mit ihren Werkzeugen verbunden, vom Zeichenstift über Desktop-Publishing bis zur CAD-Software. Neue Technologien erweiterten den Möglichkeitsraum, ohne Gestalter:innen überflüssig zu machen. KI verändert dieses Verhältnis jedoch grundlegend: Systeme generieren Vorschläge, priorisieren Inhalte und treffen teilweise Vorentscheidungen. Der Entwurfsprozess wird dadurch weniger linear und stärker dialogisch.
Diese Entwicklung erinnert an frühere Debatten etwa rund um das Bauhaus, wo die Verbindung von Gestaltung, Technologie und Industrie neu gedacht wurde. Heute verschiebt sich der Fokus jedoch von der Bedienung einzelner Werkzeuge hin zur Frage, wie komplexe Systeme gestaltet und kontrolliert werden können. Der Designtheoretiker Ezio Manzini formulierte bereits 2015 in seinem Buch »Design, When Everybody Designs«, dass in einer vernetzten Welt letztlich alle gestalten, nicht nur professionelle Designer:innen, sondern ebenso Organisationen, Communities oder Institutionen.
Yamashita beschreibt diesen Ansatz mit einem Prinzip, das bei Figma häufig formuliert wird als »Lower the floor, raise the ceiling«: Technologien sollen den Einstieg erleichtern und gleichzeitig neue Möglichkeiten für erfahrene Gestalter:innen schaffen. Tatsächlich zeigen aktuelle Studien, dass generative KI besonders repetitive Aufgaben beschleunigen kann – etwa Variantenbildung, Recherche oder erste Text- und Bildentwürfe –, während strategische Entscheidungen weiterhin stark von menschlicher Bewertung abhängen.
Auch Designprozesse selbst verändern sich. Recherche, Ideation und Ausarbeitung verlaufen zunehmend parallel. Systeme erzeugen innerhalb von Sekunden Varianten, Visualisierungen oder Textvorschläge. Dadurch verschiebt sich die gestalterische Arbeit stärker in Richtung Auswahl, Bewertung und Priorisierung. Der oft zitierte »Human in the Loop« beschreibt deshalb nicht nur ein technisches Prinzip, sondern eine gestalterische Haltung: Menschen entscheiden bewusst, an welchen Stellen algorithmische Unterstützung sinnvoll ist – und wo menschliche Urteilskraft unverzichtbar bleibt.
Gerade weil KI-Systeme zunehmend plausible Ergebnisse liefern, ohne deren Qualität garantieren zu können, gewinnen kritische Kompetenzen an Bedeutung. Designer:innen müssen Informationen prüfen, kulturelle Kontexte verstehen und beurteilen können, welche Lösungen tatsächlich sinnvoll sind.
Weil sie von Menschen entworfen sind, können KI-Systeme nicht neutral sein und basieren auf bestehenden Datenbeständen, die strukturell gesellschaftliche Verzerrungen oder Ausschlüsse reproduzieren. Fragen nach Transparenz, Fairness, Urheberrecht oder Nachhaltigkeit werden deshalb zu integralen Bestandteilen von Gestaltung. In der Praxis entstehen dafür zunehmend konkrete Werkzeuge: Ethik-Frameworks, Dokumentationspflichten oder sogenannte Model Cards, mit denen KI-Systeme transparenter beschrieben werden sollen. Unternehmen wie IBM oder Forschungsorganisationen wie Partnership on AI entwickeln daher Standards für nachvollziehbaren Anwendungen.
Gleichzeitig verändert KI auch die Kommunikation innerhalb kreativer Prozesse. Ideen lassen sich schneller visualisieren und testen, Entscheidungen werden unmittelbarer sichtbar. Das erhöht die Geschwindigkeit, aber auch die Verantwortung. Vielleicht ein schönes Nebenprodukt aller Debatten rund um Definitionen, dass Gestaltung damit zunehmend die Frage umfasst, wie technologische Systeme gesellschaftlich wirken, reflektiver machen.
Lange galten Marken als möglichst konsistente Systeme: mit klar definierten Werten, kontrollierten Touchpoints und wiedererkennbarer Kommunikation. Generative KI stellt dieses Modell teilweise infrage. Inhalte entstehen zunehmend situativ, Interfaces reagieren in Echtzeit auf Nutzer:innen und Kommunikation wird personalisierter.
Damit verschiebt sich auch die Rolle von Gestaltung. Statt ausschließlich feste Zustände zu definieren, geht es stärker darum, Regeln und Rahmenbedingungen zu entwickeln, innerhalb derer sich Marken flexibel bewegen können. Die Frage nach Autorenschaft wird dabei zentral: Wer spricht für eine Marke, wenn Inhalte automatisiert entstehen?
Parallel entstehen international neue Leitlinien und Initiativen, die sich mit verantwortungsvoller KI beschäftigen. Die UNESCO verabschiedete bereits 2021 eine globale Empfehlung zur Ethik Künstlicher Intelligenz. Auch die Europäische Union arbeitet mit dem AI Act an einem rechtlichen Rahmen für transparente und risikobasierte KI-Anwendungen. Religiöse und gesellschaftliche Institutionen beteiligen sich ebenfalls an der Debatte – etwa der sogenannte Rome Call for AI Ethics des Vatikans, der Unternehmen und Organisationen zu Prinzipien wie Transparenz, Inklusion und Verantwortung verpflichtet.
Markengestaltung bewegt sich damit zunehmend zwischen Anpassungsfähigkeit und Konsistenz. Gestaltung definiert Leitplanken, innerhalb derer generative Systeme sinnvoll agieren können. Systeme müssen so gestaltet sein, dass sie »die Qualität und den Geschmack einer Marke codieren«, wie Yuhki Yamashita es formuliert, eben nicht als Einschränkung, sondern Voraussetzung dafür, dass generative Prozesse überhaupt konsistent bleiben.
Die Veränderungen betreffen schließlich auch Organisationen selbst; wo Rollen sich verschieben, Entscheidungswege komplexer werden und neue Formen der Zusammenarbeit entstehen. Besonders im Kontext sogenannter agentischer KI-Systeme experimentieren Unternehmen bereits mit mehreren spezialisierten KI-Agenten, die Aufgaben untereinander koordinieren oder gegenseitig kontrollieren.
In der Softwareentwicklung etwa kommen bereits Systeme zum Einsatz, bei denen ein KI-Agent Code generiert und ein anderer ihn überprüft oder dokumentiert. Unternehmen wie Anthropic beschäftigen sich intensiv mit solchen mehrstufigen Kontrollmechanismen, noch mehr gilt dies für Medienunternehmen, die etwa eigene KI-Tools entwickeln wie das unabhängige Recherche-Kollektiv Correctiv, mit der Wolf-Schneider-KI der Reporterfabrik ein Tool zum Redigieren und Analysieren entwickelten und nun zur Verfügung stellen.
Für Organisationen entsteht daraus vor allem eine Führungsfrage: Wie werden Zuständigkeiten definiert? Wer trägt Verantwortung für Entscheidungen? Und wie lässt sich Vertrauen in Systeme aufbauen, deren Prozesse oft nur teilweise nachvollziehbar sind? Leadership bedeutet unter diesen Bedingungen weniger Kontrolle einzelner Abläufe als vielmehr die Gestaltung lernfähiger Strukturen. Gleichzeitig bringen jüngere Generationen häufig eine größere Selbstverständlichkeit im Umgang mit KI mit und damit neue Erwartungen an Zusammenarbeit, Wissensaustausch und Arbeitsprozesse.
Was alle diese Ebenen verbindet, ist eine Verschiebung im Selbstverständnis von Gestaltung. Nicht die perfekte Lösung steht im Mittelpunkt, sondern die Fähigkeit, Unsicherheit auszuhalten und mit Friktion und Komplexität umzugehen – inhärente Qualitätseigenschaften kreativen Schaffens. Deshalb wird an diesem Punkt deutlich, warum die intensive Beschäftigung mit gutem Design an Bedeutung gewinnt, denn während KI-Prozesse beschleunigen, wächst gleichzeitig die Gefahr, vorschnell Lösungen zu produzieren. Yuhki Yamashita warnt davor, dass viele dieser Workflows »vergessen, was Design eigentlich ausmacht«: nicht die schnelle Ausarbeitung einer Idee, sondern die Fähigkeit, zunächst den Möglichkeitsraum zu öffnen, die richtigen Fragen zu stellen und Verantwortung für die Auswirkungen technologischer Systeme zu übernehmen.
Vor diesem Hintergrund versuchen die Bildungsangebote rund um KI und Gestaltung, wie jene der bayern design Academy, Kompetenzen im Umgang mit systemischen Veränderungen aufzubauen. Resilient zu machen, die eigene Intuition zu pflegen und im ständigen Austausch mit anderen sich gegenseitig daran zu erinnern, dass Gestaltung ein ständiges Treffen von Entscheidungen zu verstehen ist – auch dort, besonders dort, wo generative Systeme vermeintlich einfache Vorschläge machen und Verantwortung zu übernehmen.
Foto: AgileRobots – AgileOne
Sonja Pham (*1987 im Allgäu) ist freie Journalistin, Autorin und Übersetzerin mit Schwerpunkt auf Kreativität, Kultur und Kulinarik. Seit ihrem Kommunikationsdesignstudium an der Designschule München arbeitet sie freiberuflich für diverse Magazine und Agenturen. Für die Fachzeitschrift novum World of Graphic Design war sie als stellvertretende Chefredakteurin tätig, bevor sie nach deren Einstellung gemeinsam mit ihrem Team das Grafikmagazin und den Phoenix Verlag für Grafikdesign gründete. Seit 2023 ist sie Vorstand für Editorial im Art Directors Club für Deutschland. Zudem ist sie regelmäßig als Moderatorin, Speakerin und Host im Design- und Kulturbereich sowie in der Gastronomie tätig.
Warum diese Reihe?
Weil KI mehr ist als Technologie. Sie stellt Grundfragen an unsere Arbeit. Die Seminare geben dir konkrete Antworten: nicht als Theorie, sondern als praktische Frameworks, Prinzipien und Haltungen, die du direkt anwenden kannst.
Für wen ist diese Reihe gedacht?
Diese Seminarreihe richtet sich an Professionals, die KI nicht nur nutzen, sondern bewusst gestalten wollen.
Markenverantwortliche und Strateg:innen, die verstehen möchten, wie KI Markenidentität und Kundeninteraktion grundlegend verändert. Sie lernen, wie sie diese Transformation strategisch steuern können.
Designer:innen und Creative Directors, die KI nicht als Tool, sondern als Gestaltungsmedium begreifen, finden hier Ansätze, um ihre Prozesse neu zu denken, ohne dabei die kreative Kontrolle zu verlieren.
Produktmanager:innen, die ethische Verantwortung aktiv in ihre Arbeit integrieren möchten, erhalten Impulse von der Bias-Prävention bis hin zu nachhaltigen KI-Lösungen.
CEOs, Agenturinhaber:innen sowie Führungskräfte, die Teams und Organisationen in einer KI-gestützten Welt führen, gewinnen Klarheit über Verantwortung, Kultur und Entscheidungsprozesse.
Gemeinsam ist euch, dass ihr keine technischen Anleitungen sucht, sondern strategische Orientierung, kritische Reflexion und praktische Frameworks benötigt. Diese helfen euch, KI bewusst, verantwortungsvoll und gestalterisch stark einzusetzen.
Egal, ob einzelne Aspekte vertieft oder ein umfassendes Verständnis aufgebaut werden soll, die Reihe bietet konkrete Werkzeuge, um KI in der eigenen Arbeit aktiv zu gestalten.
+++++
Jedes der ganztägigen, zertifizierten Seminare der bayern design Academy findet in inspirierender Atmosphäre bei Steelcase, einem führenden Unternehmen im Möbelsektor, im Münchner Museumsquartier statt. Für Speisen und Getränke in den Pausen ist ausreichend gesorgt. Den Abschluss des Tages bildet die Gelegenheit zum persönlichen Austausch und Netzwerken.
the good, the bad and the AI Human meets AI
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Newsletter2Go. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie müssen den Inhalt von hCaptcha laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.