Wie weit sind wir in der Gesellschaft eigentlich in puncto Diversität? Wenn Unternehmen lediglich während der Pride-Week ihr Logo regenbogenfarben einfärben oder nur zähneknirschend eine Quote erfüllen, wurde der ökonomische Wert der Diversität offensichtlich noch nicht erkannt. „Diversität ist weder Philosophie noch etwas Moralisches, es ist einfach nur eine Realität“, sagt Marketing-Experte und Autor Simon Usifo. Warum Unternehmen diese Superpower endlich nutzen sollten, wie Veränderung in der Firmenkultur gelingt und was ihn seine eigenen Erfahrungen über Diversität gelehrt haben, erzählt er im Gespräch.
Bettina Schulz: Du bist im Rheinland geboren, deine Mutter ist Französin, dein Vater kommt aus Nigeria. Wenn ich dich nun fragen würde, ob du die personifizierte Diversität bist – wäre diese Frage nicht schon ein Zeichen dafür, dass Diversität in unserer Gesellschaft bis jetzt nicht selbstverständlich ist?
Simon Usifo: Das hast du gut auf den Punkt gebracht und die Antwort lautet „ja“ und „nein“. Natürlich wäre eine Welt wünschenswert, in der Menschen, die Diversität besonders prägnant personifizieren, nicht mehr so in den Vordergrund gestellt werden müssten – egal, ob es um Rassismus, Sexismus, Disability oder Queerfeindlichkeit geht. Aber solange das nicht der Fall ist, kann es eine Brücke schlagen zwischen der Mehrheitsgesellschaft und den Lebensrealitäten, in denen Diversität eben noch nicht Normalität ist. Deshalb habe ich mich damit angefreundet, als jemand „herzuhalten“, der irgendwie schwarz und irgendwie weiß ist, mehrere Sprachen spricht und überall auf der Welt immer ein wenig anders ist. Ich habe aber auch das Privileg, diesen Rucksack der Andersartigkeit als Superpower zu nutzen und vielleicht helfen zu können, der Gesellschaft zu zeigen, dass es nicht wehtut, anders zu sein.
Auch als sensibilisierter Mensch fühlt man sich oft unsicher und traut sich trotz ehrlichen Interesses nicht, einen anderen zu fragen, wo dessen Wurzeln liegen. Kommt es hier auf den Kontext an?
Ich glaube, es kommt auf zwei Sachen an. Das eine ist ein Fingerspitzengefühl dafür, ob sich so eine Frage organisch ergibt. Wenn man jemanden an der Bar trifft, fragt man gewisse Dinge ja auch nicht in den ersten zehn Minuten, sondern vielleicht erst viel später. Damit hat sich die Frage nicht verändert, aber die Beziehung zwischen den Menschen.
Das andere ist, dass sich wenige Menschen daran stören, überhaupt gefragt zu werden. Wenn die Antwort allerdings lautet: „Ich komme aus dem Rheinland“, muss man sich damit zufriedengeben. Man darf nicht die Deutungshoheit an sich reißen und zu verstehen geben, dass einem diese Antwort nicht genügt. Die Frage an sich ist zwar generell suboptimal, weil man sie einer Helene Fischer oder einem Mark Forster ja ebenfalls nicht ständig stellt, obwohl sie einen Migrationshintergrund haben. Was ich aber verurteile, ist, wenn die Neugier des Fragenden wichtiger ist als das Gefühl des Menschen, der antworten soll. Denn dieser Mensch bekommt diese Frage jeden Tag gestellt. Und wenn man jeden Tag gefragt wird, woher man „wirklich“ kommt, zweifelt man irgendwann selbst daran, dass man ein gleichberechtigter Teil des Ganzen ist.
Gab es einen Moment in deinem Leben, in dem du deine eigene Identität oder deinen Blick auf Diversität plötzlich anders verstanden hast?
Ich glaube, meine ganze Jugend war von dem unterschwelligen Bewusstsein geprägt, dass irgendwas anders ist. Und ich bin ja schon sehr privilegiert, weil ich Light-Skin bin – mein nigerianischer Vater war komplett schwarz und erlebte noch mal eine extremere Form der Diskriminierung. Aber allein die Tatsache, immer der Einzige im Raum zu sein, der anders aussieht, macht etwas mit einem.
Frauen in Führungsetagen kennen das auch: wenn sie nur noch Meetings haben, in denen sie die einzige Frau sind. Da muss noch gar nichts passiert und kein Wort gewechselt worden sein, und dennoch fühlt man sich bereits schwächer, weil man nicht repräsentiert ist oder die Last verspürt, alle Frauen repräsentieren zu müssen. Wenn man dann eine Aufgabe suboptimal löst, wird das auf alle Frauen im Management gespiegelt. Genauso ist es für mich auch immer gewesen.
Wie bist du damit umgegangen?
Es gab zwei Umgebungen, in denen ich mich immer sehr wohlgefühlt habe. Zum einen auf dem Sportplatz: Sobald ich meine Sportschuhe angezogen habe, habe ich meine Hautfarbe ausgezogen. Plötzlich ging es nur noch darum, wie schnell ich bin und was ich leiste.
Zum anderen im Ausland, in den Metropolen, in denen ich Praktika absolvierte. Bei den großen Firmen in London, New York oder Peking war ich einfach nur „the German“. In London gab es viele Menschen, die so aussahen wie ich und zugleich ganz unterschiedliche Rollen hatten: Ärzte, Anwälte, Topmanager, meine Chefs. Und man sehnt sich einfach nach Role Models.
Wenn man einmal in Städten oder Ländern war, in denen Diversität Normalität ist, merkt eigentlich jeder, wie viel entspannter alles ist. Warum ist der Wandel bei uns so schwierig?
Ich ziehe gern den Vergleich zur digitalen Transformation. Zeitweilig war digital ein Sonderfall: E‑Commerce, E‑Business, Head of Digital. Erst als das verschwunden war, kam das Digitale wirklich an. Es gab nur noch Business und Commerce.
Ich glaube, dass das Diversity-Thema eine ähnliche Transformation durchlaufen muss. Vielleicht ist der aktuelle Gegenwind sogar eine Chance und wir brauchen keinen Head of Diversity mehr, sondern Führung muss grundsätzlich inklusiv und divers sein. Und das ist vielleicht eher ein CEO-Thema, denn eine Kultur, in der sich Menschen wohlfühlen, hat ja viel mit psychologischer Sicherheit zu tun, und davon profitieren alle.
Hältst du Instrumente wie eine Frauenquote nach wie vor für notwendig?
Ich vergleiche das gern mit einer Zahnspange. Die sieht auch nicht wirklich gut aus, aber sie korrigiert eine strukturelle Schieflage. Und wenn die Schieflage behoben ist, nimmt man sie wieder ab. Genauso ist es mit Quoten. Keiner findet eine Quote geil, aber wenn wir es nicht hinbekommen, den Pay Gap so zu reduzieren, dass wir nicht noch 130 Jahre warten müssen, bis er geschlossen ist, dann haben wir die Notwendigkeit einer Quote selbst bewiesen. Strukturelle Schieflagen brauchen strukturelle Lösungen. Ohne haben wir es probiert – und offensichtlich hat es nicht funktioniert.
Wie erlebst du Diversität in der Kreativbranche – sie gibt sich ja sehr offen und international. Ist sie eine Bubble der Glückseligkeit?
Natürlich ist hier eine gewisse Art von Diversität allein durch Quereinsteiger gegeben, aber das ist eine Illusion. Wenn man sich anschaut, wie niedrig die Einstiegsgehälter in der Werbung sind, wird klar, dass sich viele gar nicht leisten können, in Hamburg, München, Köln oder Berlin zu leben oder unbezahlte Praktika zu machen. Am Ende fühlen sich alle sehr bunt, weil es innerhalb der Bubble eine gewisse Diversität gibt. Im Grunde sind es aber häufig sehr weiße, sehr deutsche Akademikerkinder, die es sich leisten konnten, zu studieren und Praktika zu machen. Die Geisteshaltung ist offen und neugierig, aber die tatsächliche Lebensrealität ist oft weniger divers. Und wenn man sich dann auch noch die Führungsetagen ansieht, findet man hier sehr wenig Frauen oder People of Color.
Große Brands achten inzwischen darauf, ihre Kommunikation möglichst divers zu gestalten. Ist Werbung ein geeignetes Werkzeug, Diversität im Alltag zu verankern?
Ja, aber allein wird sie es nicht richten. Wenn wir eine Gesellschaft mit Kommunikation und Werbebotschaften bespielen, muss sich die Audience natürlich in der Kreativität widerspiegeln. Manche Menschen irritiert es sicher, wenn plötzlich alles ein wenig anders als früher aussieht – das ist aber ein Teil des Normalisierungsprozesses. Werbung kann also durchaus Pionier sein, indem sie Geschichten erzählt, die der Realität entsprechen. Denn Diversität ist ja nichts Moralisches oder Philosophisches, sondern schlicht Realität.
Woran erkennst du bei einem Kunden, dass Diversität nur nach außen stattfindet?
Das merkt man relativ schnell. Es gibt dieses Gefühl, eine Checkliste abzuarbeiten, und dann kommt „Tokenism“ ins Spiel: Man hat sich auf einen bestimmten „diversen“ Typ eingeschossen und nutzt ihn immer wieder, weil es komfortabel ist.
Ich sehe meine Aufgabe aber auch gar nicht darin, die Leute zu missionieren. Als Marketing-Experte setze ich auf das Thema Performance, um mein Gegenüber abzuholen: Wenn die Target Audience divers ist, ist es eine logische, sachliche Entscheidung, dass sie auch in der Kommunikation repräsentiert wird. Die besseren Lösungen sind 2026 mit Sicherheit divers und inklusiv.
Ein guter Check ist immer die Frage, ob die Kommunikation mit der Führungsstruktur konform geht. Wenn im Management keine einzige Frau sitzt, kann mein Werbespot noch so bunt sein – er wird nicht glaubwürdiger.
Du bist davon überzeugt, dass Diversität Unternehmen auch wirtschaftliche Vorteile bringt. Worin liegen diese?
Es gibt so ein paar Schlüsselkompetenzen, die ich auch bei mir erst entdecken musste. Bei Wundermann in London war ich für Ford of Europe und damit für 23 Märkte zuständig. Nun habe ich eine weiße und eine schwarze Seite, eine deutsche, nigerianische und französische, habe in London und China gelebt. Ich war es gewohnt, zwischen Welten und unterschiedlichen Denkweisen zu navigieren und zu vermitteln. Plötzlich war ich bei Kunden derjenige, der einen Konsens zwischen den Kulturen herstellen konnte. Diese Empathie ist im Business eine Superpower.
Hinzu kommt: Wenn in einem Management-Meeting überspitzt gesagt drei Christians und zwei Uwes sitzen, ist man sich vielleicht nach fünf Minuten über eine Lösung einig, merkt aber gar nicht, dass man auf dem falschen Weg ist. In einem diversen Boardroom wird der Konsens vielleicht erst nach zwei Stunden erreicht. Dafür werden Fehler und Schwachstellen früher erkannt. Denn Menschen, die nicht zur Norm gehören, mussten schon immer andere Wege finden, Probleme zu lösen. Sie bringen mehrere Perspektiven und eine höhere Toleranz für Ambiguität mit.
Dies fordert also auch ein neues unternehmerisches Denken …
Ja. Deutschland ist mit seinem Perfektionismus und dem starken Vertrauen in Erfahrungswissen sehr erfolgreich geworden. Aber wenn sich Dinge exponentiell verändern, reicht es nicht mehr, vier Jahre an der perfekten Lösung zu arbeiten. Man muss ausprobieren, Risiken eingehen und auch mit Unperfektem umgehen können. Menschen aus marginalisierten Gruppen bringen solche Fähigkeiten oft zwangsläufig mit, weil sie im Alltag ständig Situationen bewältigen müssen, die nicht für sie gemacht sind. Wenn eine Frau in einen DAX-Vorstand kommt, hat sie dafür häufig mehr Barrieren überwinden müssen als ein Christian. Diese Erfahrung ist eine Kompetenz. Genau deshalb glaube ich, dass Unternehmen gut daran tun, mehrere Antennen zu haben. Nicht nur, um mehr Perspektiven zu bekommen, sondern um eine größere Klaviatur an Problemlösungsstrategien zur Verfügung zu haben – und damit langfristig erfolgreicher zu sein.
Wie beginne ich denn damit, Diversität in der Firmenkultur zu verankern?
Ein wichtiger Punkt ist das Recruitment. Menschen aus marginalisierten Gruppen können sich oft gar nicht in Unternehmen hineinprojizieren. Sie sehen eine Welt, die sich nicht wie ihre anfühlt, und denken: „Die nehmen mich ohnehin nicht.“
Deshalb brauchen wir neben den bewährten Methoden mehr Grassroots-Arbeit. Für die verschiedenen Communitys gibt es bereits Interessenvertretungen und Organisationen, die Brücken zwischen Talenten und Unternehmen bauen. Die Swans‑Initiative vermittelt beispielsweise hochqualifizierte Frauen mit Migrationshintergrund. Es gibt auch den afro-diasporischen Akademiker-Verein ADAN. Firmen können nicht darauf warten, dass diese Menschen von selbst auf sie zukommen, und wir als Gesellschaft können uns das auch nicht leisten. McKinsey hat ausgerechnet, dass uns 100 Milliarden Euro pro Jahr im Bruttosozialprodukt verloren gehen, weil wir Menschen mit Migrationshintergrund, die hier leben, nicht integrieren. Allerdings reicht es nicht, „nur“ eine diverse Belegschaft aufzubauen, wenn es darüber noch eine gläserne Decke gibt. Wir brauchen auch ganz oben in den Vorstandsetagen Menschen mit diversen Hintergründen.
Das Interview wurde im Auftrag von bayern design geführt.
Simon Usifo ist Sprecher bei den Talks der Social Design Days Talks am 7. Oktober in Nürnberg. Im ersten Panel „Vielfalt im Unternehmen und dessen Potential“ wird er darüber sprechen, wie ein vielfältiges Miteinander in Unternehmen gestaltet werden kann.
Simon Usifo ist internationaler Marketing-Experte, Speaker, Autor und Co-Herausgeber des SPIEGEL-Bestsellers „People of Deutschland“. Zuletzt war er CEO von BBDO Germany. Der gebürtige Bonner mit nigerianischen und französischen Wurzeln war über 18 Jahre für internationale Kreativagenturen wie Ogilvy und 72andSunny in London, Shanghai, Berlin und Amsterdam tätig. Heute engagiert er sich zudem als Beirat im KreativBund und für die unabhängige Bildungsinitiative GermanDream.
Foto Credit: Sammy Hart
People of Deutschland
Der von Martina Rink und Simon Usifo herausgegebene Band „People of Deutschland“ mit individuellen Geschichten über Rassismuserfahrungen ist inzwischen zu einer Plattform gewachsen, die den Austausch und das Bewusstsein fördert. Durch die aktive Einbeziehung von Unternehmen sollte dabei von Beginn an das Thema in der Mitte der Gesellschaft platziert werden. So entstand beispielsweise für die Telekom eine Sonderedition mit Geschichten von Mitarbeitenden, während Ikea 2000 Bücher für all seine Führungskräfte erwarb. Mit Veranstaltungen wird überdies ein Raum für den weiteren Diskurs geschaffen, denn natürlich fühlten sich nicht alle Menschen repräsentiert: „Das Projekt hat auch mir selbst gezeigt, dass Sensibilisierung ein Prozess ist. So musste ich erkennen, dass ich gleichzeitig betroffen und privilegiert bin“, beschreibt es Simon Usifo. https://www.peopleofdeutschland.de/
Bettina Schulz ist freie Texterin und Designjournalistin in München. Über 18 Jahre lang prägte sie als Chefredakteurin das internationale Designmagazin novum World of Graphic Design, bevor sie 2019 ihr eigenes Redaktionsbüro gründete. 2006 initiierte sie mit ihrem Redaktionsteam die Creative Paper Conference. Heute entwickelt sie Kundenmagazine, schreibt für verschiedene Magazine und Agenturen und betreut Blogs sowie Unternehmenskommunikation für Kunden aus unterschiedlichen Branchen. Darüber hinaus ist Bettina Schulz Jurorin bei zahlreichen Designwettbewerben und im Beratungsbeirat der Münster School of Design, FH Münster.
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