Steckt das Design in einer Krise? Professor Roberto Verganti ist überzeugt davon, sieht darin jedoch eine große Chance des Wandels. Mit gezieltem Fokus und dem Ansatz eines echten menschenzentrierten Designs, können Kreative ihr Selbstverständnis neu definieren. In unserem Gespräch, das wir im Vorfeld des Design Summit der diesjährigen mcbw führten, erläuterte er uns seine Vision für die Zukunft der Branche.
Bettina Schulz: Du kommst gerade von der Stockholm Music Week …
Roberto Verganti: Ja, es war wirklich inspirierend, denn Musik ist die Zukunft! Es ist zwar eine andere Kreativbranche, aber sie unterliegt einer ähnlichen Dynamik. Durch KI ist auch hier vieles in Bewegung – ein Spielplatz der Möglichkeiten.
Wobei wir schon bei dem Motto des diesjährigen Design Summit auf der mcbw wären – „Playground of Possibilities“. Gibt es für Kreative tatsächlich mehr Möglichkeiten denn je?
Ja, ich denke schon – wobei das die Aufgabe zugleich schwieriger macht. Denn wenn alles möglich ist, wird es umso herausfordernder, herauszufinden, was wirklich zählt. Es ist nicht einfach, einen Fokus zu finden, denn unsere Aufmerksamkeit unterliegt Grenzen. Das ist eine große Veränderung in der Welt des Designs.
Befindet sich die Branche also in einer Art Sinnkrise?
Das Design befindet sich tatsächlich in einer kleinen Krise. Unsere Branche kommt aus fast dreißig Jahren starken Wachstums, in denen jedes Unternehmen in Design investierte und Design Thinking plötzlich omnipräsent war. Zuvor war Design ja ein Begriff, den es an Business Schools kaum gab – inzwischen haben alle Design und Design Thinking im Lehrplan. Hinter uns liegt eine Blütezeit des Designs, und wie so oft in der Geschichte endet auch ein goldenes Zeitalter einmal. Es muss Raum für Neues entstehen – etwas, das nicht identisch mit dem vorherigen sein kann, weil sich die Welt verändert hat.
Die KI hattest Du als Game-Changer schon erwähnt. Glaubst du, es geht im Design künftig eher um Ideenfindung?
Im Gegenteil! Wenn ich heute eine Idee brauche, frage ich ChatGPT. Du kannst sie beispielsweise bitten, zehn Fragen an Roberto zu formulieren. Und wenn sie dir nicht gefallen, fragst du nach weiteren zehn. Es ist also kein Problem, Fragen zu finden – der Punkt ist, welche davon überhaupt Sinn ergeben. Design hat sich lange Zeit über Kreativität und massenhafte Ideenfindung definiert. Das ist jetzt leider vorbei, denn KI wird diesen Part übernehmen. Egal, wie kreativ man ist, KI wird hundertmal mehr Ideen hervorbringen. Wir müssen also einen neuen Ansatz finden.
Worin könnte der liegen?
Jetzt kommen wir wieder auf den Fokus zurück. An Ideen mangelt es nicht, aber herauszufinden, was wirklich zählt, ist immer noch eine Designaufgabe. Es gibt derzeit zwei zentrale Strömungen im Design. Design Thinking oder das Double Diamond Modell sind ingenieurwissenschaftlich geprägt und verstehen Design als Prozess zur Problemlösung. Die andere ist älter und stärker in der Architektur und Kunsthochschulen verankert. Hier geht es weniger um Problemlösung als um Vorstellungskraft – um Bedeutung, nicht nur um Funktion. Der deutsche Kommunikationswissenschaftler Klaus Krippendorff hatte das einmal zugespitzt formuliert: Design bedeutet, Dingen Bedeutung zu geben. Diese Tradition ist im Design tief verankert, wurde aber in den vergangenen Jahren überlagert – vor allem durch viele klar definierte digitale Aufgaben, etwa bei Interfaces.
Doch genau diese zweite Perspektive wird wieder dringend gebraucht. Denn im Ingenieurswesen lernt man nicht, Dingen Bedeutung zu geben – ich spreche aus eigener Erfahrung als Ingenieur. Wir haben damit rund 50 Prozent der traditionellen Designkompetenz aus dem Blick verloren. Jetzt geht es darum, diese wiederzuentdecken und weiterzuentwickeln.
Du denkst also, dass damit menschenzentriertes Design in den Mittelpunkt rücken muss?
Ich glaube schon, wenn wir uns wirklich darauf konzentrieren, was einen Menschen ausmacht. Bislang haben wir viel nutzerzentriertes Design entworfen, also eine Perspektive eingenommen, die den Menschen als eine Ansammlung von Bedürfnissen betrachtet. Das ist nicht wirklich menschlich. Menschen möchten lieben, sie wünschen sich eine bessere Welt für ihre Kinder, sie sind voller Gefühle.
Ist diese Sehnsucht nach Dingen, die unser Herz berühren, im digitalen Zeitalter noch größer geworden?
Ja, es besteht das Bedürfnis, auf eine tiefere Weise berührt zu werden, weil wir uns selbst ein wenig verloren haben. Und das ist zugleich das Einzige, das Maschinen nicht können. KI versteht nicht, was es bedeutet, einen Menschen zu umarmen. Schauen wir nochmal in die Musikbranche: Wenn man sich die Texte eines KI-Songs anhört, berühren sie nicht. Nicht, weil der Song schlecht ist, sondern weil Songwriter aus ihrem Leben erzählen und die KI einfach kein Leben hat. Die Fähigkeit zu berühren, ist eine Kreativkompetenz.
Wie wichtig ist es deiner Meinung nach heutzutage für Unternehmen, Design Thinking oder aber eine Designkultur zu verankern?
Es ist wichtig und sollte der Art von Design entsprechen, die Menschen berührt und sie zum Verlieben verführt. Einer meiner frühesten Studenten, Mauro Porcini, ist heute Chefdesigner bei Samsung und hat gerade deren Auftritt auf dem Salone Mobile in Mailand gestaltet. Der Titel lautete: „People in Love with People“. Genau darum geht es – nicht um Ingenieurskunst, sondern um Liebe.
Mauro sagte mir vor Kurzem in einem Interview, dass Liebe auch entscheidend für die eigene Leistungsfähigkeit sei …
Ja, und Jonathan Ive, der Apple leider gerade verlassen hat, nennt seine neue Firma ebenfalls „Love“. Es gibt also wohl immer noch einige Designer – und möglicherweise sind es die besten –, die verstehen, worum es beim Design wirklich geht. Es geht mehr um Gefühle als um Technik. Natürlich muss man gut in Technologie und anderen Dingen sein, aber normalerweise hat man in einem Team großartige Ingenieure und Geschäftsleute. In gewisser Weise haben wir in den vergangenen Jahren den Kreativnachwuchs zu sehr wirtschaftlich ausgebildet. Ich übrigens auch. Das sind nun Designer, die alles über Geschäftsmodelle verstehen, aber die Fähigkeit verloren haben, Menschen zu berühren. Es ist inzwischen sehr schwer, wirklich bewegende Designs zu finden.
Designer müssen also jetzt erst einmal eine neue Rolle finden?
Sie müssen sich einfach wieder selbst finden und daher gar nicht weit suchen. Im Prinzip gibt es zwei Arten von Innovationen: Für inkrementelle Veränderungen muss man praktisch vorgehen, sich ein Problem ansehen und es gezielt lösen. Dann gibt es aber auch radikale Innovationen, die sich der Gestaltung der Zukunft widmen. Hierbei kann man nicht von den bestehenden Bedürfnissen ausgehen. Man muss Abstand gewinnen von gestrigen Lösungen und sich stattdessen eine neue Zukunft vorstellen.
Die Veränderungen – technologisch, kulturell, politisch –, auf die wir reagieren müssen, sind inzwischen rasant. Bleibt da überhaupt noch die Zeit, langfristige Strategien und Ziele zu verfolgen?
Ein sehr guter Punkt. Ich glaube, man muss hier zweigleisig fahren: 90 % der Zeit gilt der Fehlerbehebung und Verbesserung und 10 % reserviert man für ein visionäres Projekt. Dann schließt sich der Kreis und wir sind wieder beim Fokus. Man kann nur ein radikales Projekt verfolgen, und wenn man es klug anstellt, kann man es durch tägliche Arbeit daran verwirklichen. Um in kleinen Schritten zum Ziel zu kommen, ist jedoch eine langfristige Vision essenziell.
Gibt es eine Designlösung, die dich vor Kurzem tatsächlich überrascht hat?
Hier komme ich wieder zur Musik. Beeindruckend finde ich die neue Spotify-Funktion „Song DNA“, die nicht nur den Sänger anzeigt, sondern auch, wer einen Song geschrieben und produziert hat. Hinter diesem vermeintlich kleinen Feature steckt ein Verständnis für den gesellschaftlichen Wandel: Kreativität ist zu einer Ware geworden und jeder kann Songs machen oder Ideen haben. Entscheidend wird aber die Auffindbarkeit, und damit rückt die Frage nach der Urheberschaft wieder in den Vordergrund. Diese wird wieder wichtiger – gerade in einer KI-geprägten Welt, in der oft unklar ist, ob überhaupt noch Menschen hinter einer Arbeit stehen. Übertragen auf Design heißt das: Es wäre schön, wieder sichtbar zu machen, wer was gestaltet hat. Früher kannte man die Designer, heute verschwinden sie oft hinter Prozessen.
Tatsächlich waren früher Unternehmen unglaublich stolz auf ihre Designer.
Ja, ich weiß nicht, wann wir das verloren haben. Ich glaube, es begann damit, dass Unternehmen dem Design näherkamen und sie die Vorstellung nicht mochten, dass ein Produkt nicht aus einem Prozess stammt, sondern die Idee einer Person ist. Dabei gäbe diese benannte Urheberschaft den Menschen mehr Verantwortung. Denn wenn das Produkt schlecht gestaltet ist, wüsste ich, wer es entworfen hat, und alle würde wahrscheinlich ernsthafter arbeiten.
Roberto Verganti ist Professor für Leadership und Innovation an der Stockholm School of Economics – House of Innovation. Zudem gehört er der Fakultät der Harvard Business School an, an der er Designtheorie und ‑praxis lehrt, und ist Mitbegründer von Leadin’Lab, dem Labor für Leadership, Design und Innovation an der School of Management des Politecnico di Milano. Seine Forschung konzentriert sich darauf, wie Innovationen entstehen, die von Menschen geliebt werden – sowohl von ihren Nutzern als auch von ihren Schöpfern.
Roberto Verganti war Sprecher auf dem mcbw design summit 2026.
Bettina Schulz ist freie Texterin und Designjournalistin in München. Über 18 Jahre lang prägte sie als Chefredakteurin das internationale Designmagazin novum World of Graphic Design, bevor sie 2019 ihr eigenes Redaktionsbüro gründete. 2006 initiierte sie mit ihrem Redaktionsteam die Creative Paper Conference. Heute entwickelt sie Kundenmagazine, schreibt für verschiedene Magazine und Agenturen und betreut Blogs sowie Unternehmenskommunikation für Kunden aus unterschiedlichen Branchen. Darüber hinaus ist Bettina Schulz Jurorin bei zahlreichen Designwettbewerben und im Beratungsbeirat der Münster School of Design, FH Münster.
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