Mit der Designkritikerin und Autorin Alice Rawsthorn wurden auf der Bühne des mcbw design summit grundsätzliche Fragen zum Designverständnis diskutiert: Wie müssen sich Kreative heute positionieren und was können sie in turbulenten Zeiten gesellschaftlich leisten? Wir sprachen mit ihr über die Wirkkraft des Designs und ein neues Mindset in der Branche.
Bettina Schulz: Wenn ich Sie richtig verstehe, betrachten Sie Design nicht nur als kreative Kraft, die es schon immer war, sondern als eine Tätigkeit, die die Gesellschaft prägt. Ist dies wichtiger denn je, und stehen Designer:innen heute weitaus mehr Mittel zur Verfügung, um dies zu erreichen?
Alice Rawsthorn: Ich betrachte Design als Motor des Wandels. Es ist eines der mächtigsten Werkzeuge, die uns zur Verfügung stehen, um Veränderungen – ob sozial, politisch, kulturell, wissenschaftlich, ökonomisch oder ökologisch – so zu gestalten, dass sie unser Leben verbessern und nicht verschlechtern.
Einer der Hauptgründe, warum Designer:innen dazu in der Lage sind, ist die Verfügbarkeit immer leistungsfähigerer, aber dennoch erschwinglicher digitaler Werkzeuge. Sie ermöglichen es ihnen, unabhängig zu arbeiten und ihre selbst gewählten Anliegen zu verfolgen, anstatt auf Anweisung von Auftraggebern zu agieren, die in der Regel kommerzielle Ziele verfolgen. Die meisten dieser Werkzeuge sind bekannt, wie zum Beispiel die rasante Zunahme der Rechenleistung von Computern, soziale Medien, Open-Source-Intelligence, Crowdfunding und – sofern verantwortungsvoll eingesetzt – künstliche Intelligenz, doch zusammen haben sie die Praxis und die Möglichkeiten des Designs grundlegend verändert.
Ist es auch ein wichtiger Aspekt, dass Designer:innen Ideen visualisieren können – eine Fähigkeit, die beispielsweise in der Politik oder auf anderen Gebieten möglicherweise fehlt?
Ja, Social Designer, die eng mit Politiker:innen und anderen Entscheidungsträger:innen zusammenarbeiten, sehen durchaus einen Vorteil in der Fähigkeit, durch Visualisierung komplexe und umstrittene Themen verständlich zu machen. Allerdings nennen sie auch die Kommunikationsstärke von Designer:innen und ihre Fähigkeit zum Querdenken.
In welchen Bereichen der Gesellschaft würden Sie sich ein stärkeres Engagement der Designbranche wünschen?
Wir leben wir in einer äußerst turbulenten, oft beängstigenden Zeit tiefgreifender Veränderungen. Jeder Bereich der Gesellschaft könnte von intelligenten und sensiblen Designinterventionen profitieren, und manche Bereiche benötigen sie dringend.
Inwieweit müssten sich das Bildungssystem oder die Lehrinhalte ebenfalls ändern, um Designer:innen wirklich als Schlüsselakteur:innen der gesellschaftlichen Entwicklung zu positionieren?
Viele Designschulen haben sich bereits darauf eingestellt. Die Zahl der Bewerbungen für Studiengänge im Produkt- und Möbeldesign sowie für andere traditionelle Designstudiengänge ist in den letzten Jahren stetig zurückgegangen. Viele dieser Studiengänge wurden eingestellt, während zahlreiche Designhochschulen neue Studiengänge zu Themen wie humanitäre Architektur, soziales Design, investigative Designforschung, Designlösungen für den Klimanotstand und so weiter ins Leben riefen. Dies ist teilweise eine Reaktion auf die Nachfrage der Studierenden, spiegelt aber auch die wachsende Bedeutung dieser Themen in der Gesellschaft wider.
Lassen Sie mich für einen Moment den Advocatus Diaboli spielen: Es gibt viele Designer:innen, die sich damit zufriedengeben, „einfach nur“ effektive Corporate Designs oder ein ästhetisches Objekt zu entwerfen. Reicht Ihnen das nicht aus?
Die tiefgreifenden Veränderungen der letzten Jahre haben Design zu einem weitaus größeren und flexibleren Medium gemacht, indem sie Designer:innen befähigt haben, auf neuen Spielfeldern und mit neuen Arbeitsweisen zu experimentieren. Es liegt an den einzelnen Designer:innen, auf diese größere Auswahl an Spezialisierungen zu reagieren, indem sie für sich selbst herausfinden, wie und wo sie ihre Fähigkeiten und ihr Wissen einsetzen möchten.
Muss sich die Designbranche gegenüber der Außenwelt vielleicht ganz anders positionieren, um als transformative Kraft und dementsprechend als kompetenter Partner wahrgenommen zu werden?
Auf jeden Fall. Im Industriezeitalter wurde Design mit dem Aufkommen von Designdisziplinen und Fachschulen professionalisiert. Es beschränkte sich jedoch in der Regel auf kommerzielle Aufgaben, oft als Stil- oder Werbemittel, und wurde auf Anweisung anderer, meist eines Auftraggebers, ausgeführt. Dies brachte erhebliche wirtschaftliche und bis zu einem gewissen Grad auch gesellschaftliche Vorteile mit sich, verursachte jedoch enorme Umweltschäden. Zudem verfestigte sich das Klischee, Design sei ein seichtes, oberflächliches Medium, das sich hauptsächlich mit dem äußeren Erscheinungsbild und weniger mit dem Inhalt befasse.
Wenn Design sein Potenzial als Motor des Wandels ausschöpfen soll, muss es dieses Klischee entkräften und seinen Wert auf neuem Terrain unter Beweis stellen. Wie könnte es sonst auf die öffentliche Anerkennung und politische Unterstützung hoffen, die es benötigt, um weitere Fortschritte zu erzielen?
Gerade im Hinblick auf Nachhaltigkeit haben viele erkannt, wie bedeutend Design ist oder sein kann. Wird sich diese Erkenntnis nun auch auf andere Bereiche von gesellschaftlichem Interesse ausweiten?
Das ist bereits geschehen. Paola Antonelli und ich haben 2020 „Design Emergency“, unseren Podcast und unsere Forschungsplattform, ins Leben gerufen – zunächst, um die internationalen Reaktionen der Designszene auf die damals grassierende Covid-19-Pandemie zu untersuchen. Nach einigen Monaten teilten wir die Geschichten globaler Design-Vorreiter:innen aus verschiedenen Bereichen und Regionen, die einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau einer besseren Zukunft leisten. Mit anderen Worten: Wir wollten praktische Belege für die Wirkung genialer Designlösungen auf tiefgreifende soziale, wirtschaftliche und ökologische Herausforderungen liefern. Paola und ich sind beeindruckt von den Leistungen der Designer:innen, mit denen wir sprachen: Francesca Coloni, Designleiterin für die weltweiten Flüchtlingslager des UNHCR, Yasmeen Lari, die erfahrene Architektin, die den Bau von über einer Million neuer Häuser in hochwassergefährdeten Gebieten Pakistans geleitet hat oder das visionäre Team, das für die „Great Green Wall of Africa“ verantwortlich ist. Wir interviewten auch Sinéad Burke, die barrierefreie und inklusive Objekte und Räume entwirft, Eyal Weizman, den Gründer und leitenden Ermittler der investigativen Designagentur „Forensic Architecture“, und viele, viele mehr. Sie alle sind inspirierende Vorbilder für ambitionierte, empathische junge Designer:innen.
Viele von Designer:innen initiierte gesellschaftskritische Projekte bleiben in einer „Blase“ stecken. Sehen Sie das auch so, und wie könnte die breite Öffentlichkeit erreicht werden? Muss sich die Designszene einfach mehr öffnen?
Wenn Design sein Potenzial ausschöpfen soll, komplexe, intersektionale gesellschaftliche und ökologische Herausforderungen anzugehen, muss es die Öffentlichkeit, Politiker:innen und andere Entscheidungsträger:innen von seinem Wert überzeugen. Dieser Prozess ist bereits im Gange und hat Designer:innen die Chance gegeben, durch das Erzählen ihrer eigenen Geschichten das Bewusstsein für ihre Arbeit zu schärfen.
An welche Projekte denken Sie hierbei konkret?
Um nur einige Beispiele zu nennen: Die Kommunikationsfähigkeiten von „Forensic Architecture“ haben nicht nur dazu beigetragen, das Projekt, sondern die investigative Designforschung als dynamisches neues Feld des Designs international zu etablieren. Oder sehen wir uns das niederländische Sozialunternehmen „The Ocean Cleanup“ an, das neue Methoden zur Beseitigung von Plastikmüll entwickelt hat. Es stellte mit der Beschaffung von 2,2 Millionen US-Dollar Startkapital einen neuen Rekord im gemeinnützigen Crowdfunding auf und erhielt kürzlich für „The Audacious Project“ eine Finanzierungszusage in Höhe von 121 Millionen US-Dollar von einer Gruppe von Spendern. Auch die beiden pakistanischen Ärztinnen, Sara Saeed Khurram und Iffat Zafar Aga, haben eine Gesundheitsplattform erfolgreich konzipiert und umgesetzt, die mittlerweile 2 Millionen Patient:innen in ganz Pakistan versorgt. Sie nutzen Videokonferenz-Technologie und eine App als Möglichkeit, Ärztinnen zu konsultieren, die von zu Hause aus arbeiten. Dies sind großartige Beispiele dafür, wie Design neue Zielgruppen anspricht.
Das Bauhaus wird weltweit zitiert und bewundert. Brauchen wir Ihrer Meinung nach erneut solch eine Bewegung, die einen echten Umbruch darstellt?
Das klingt sehr verlockend.
Das Interview wurde im Auftrag von bayern design geführt. Alice Rawsthorn war Sprecherin auf dem mcbw design summit 2026.
Alice Rawsthorn ist eine preisgekrönte Designkritikerin und Autorin aus London. Zu ihren Büchern zählen Design as an Attitude sowie zuletzt Design Emergency: Building a Better Future, das sie gemeinsam mit Paola Antonelli, leitender Designkuratorin am MoMA in New York, verfasst hat. Ihre Bücher wurden in mehr als einem Dutzend Sprachen veröffentlicht, und ihre wöchentliche Designkolumne für die New York Times wurde über mehr als ein Jahrzehnt weltweit syndiziert. In ihrer Arbeit setzt sich Alice konsequent für Design als soziales, politisches und ökologisches Instrument ein. Gemeinsam mit Paola Antonelli ist sie zudem Mitbegründerin des Podcasts Design Emergency, der untersucht, wie Design positiven Wandel vorantreiben kann.
Beitragsbild: Lukas Barth Portrait: Michael Lecki
Bettina Schulz ist freie Texterin und Designjournalistin in München. Über 18 Jahre lang prägte sie als Chefredakteurin das internationale Designmagazin novum World of Graphic Design, bevor sie 2019 ihr eigenes Redaktionsbüro gründete. 2006 initiierte sie mit ihrem Redaktionsteam die Creative Paper Conference. Heute entwickelt sie Kundenmagazine, schreibt für verschiedene Magazine und Agenturen und betreut Blogs sowie Unternehmenskommunikation für Kunden aus unterschiedlichen Branchen. Darüber hinaus ist Bettina Schulz Jurorin bei zahlreichen Designwettbewerben und im Beratungsbeirat der Münster School of Design, FH Münster.
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