1. September 2026

Design als Motor des Wandels

Ein Gespräch mit Alice Rawsthorn

Mit der Design­kri­ti­ke­rin und Autorin Ali­ce Rawst­horn wur­den auf der Büh­ne des mcbw design sum­mit grund­sätz­li­che Fra­gen zum Design­ver­ständ­nis dis­ku­tiert: Wie müs­sen sich Krea­ti­ve heu­te posi­tio­nie­ren und was kön­nen sie in tur­bu­len­ten Zei­ten gesell­schaft­lich leis­ten? Wir spra­chen mit ihr über die Wirk­kraft des Designs und ein neu­es Mind­set in der Branche.

Bet­ti­na Schulz: Wenn ich Sie rich­tig ver­ste­he, betrach­ten Sie Design nicht nur als krea­ti­ve Kraft, die es schon immer war, son­dern als eine Tätig­keit, die die Gesell­schaft prägt. Ist dies wich­ti­ger denn je, und ste­hen Designer:innen heu­te weit­aus mehr Mit­tel zur Ver­fü­gung, um dies zu erreichen?

Ali­ce Rawst­horn: Ich betrach­te Design als Motor des Wan­dels. Es ist eines der mäch­tigs­ten Werk­zeu­ge, die uns zur Ver­fü­gung ste­hen, um Ver­än­de­run­gen – ob sozi­al, poli­tisch, kul­tu­rell, wis­sen­schaft­lich, öko­no­misch oder öko­lo­gisch – so zu gestal­ten, dass sie unser Leben ver­bes­sern und nicht verschlechtern.

Einer der Haupt­grün­de, war­um Designer:innen dazu in der Lage sind, ist die Ver­füg­bar­keit immer leis­tungs­fä­hi­ge­rer, aber den­noch erschwing­li­cher digi­ta­ler Werk­zeu­ge. Sie ermög­li­chen es ihnen, unab­hän­gig zu arbei­ten und ihre selbst gewähl­ten Anlie­gen zu ver­fol­gen, anstatt auf Anwei­sung von Auf­trag­ge­bern zu agie­ren, die in der Regel kom­mer­zi­el­le Zie­le ver­fol­gen. Die meis­ten die­ser Werk­zeu­ge sind bekannt, wie zum Bei­spiel die rasan­te Zunah­me der Rechen­leis­tung von Com­pu­tern, sozia­le Medi­en, Open-Source-Intel­li­gence, Crowd­fun­ding und – sofern ver­ant­wor­tungs­voll ein­ge­setzt – künst­li­che Intel­li­genz, doch zusam­men haben sie die Pra­xis und die Mög­lich­kei­ten des Designs grund­le­gend verändert.

Ist es auch ein wich­ti­ger Aspekt, dass Designer:innen Ideen visua­li­sie­ren kön­nen – eine Fähig­keit, die bei­spiels­wei­se in der Poli­tik oder auf ande­ren Gebie­ten mög­li­cher­wei­se fehlt?

Ja, Social Desi­gner, die eng mit Politiker:innen und ande­ren Entscheidungsträger:innen zusam­men­ar­bei­ten, sehen durch­aus einen Vor­teil in der Fähig­keit, durch Visua­li­sie­rung kom­ple­xe und umstrit­te­ne The­men ver­ständ­lich zu machen. Aller­dings nen­nen sie auch die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stär­ke von Designer:innen und ihre Fähig­keit zum Querdenken.

In wel­chen Berei­chen der Gesell­schaft wür­den Sie sich ein stär­ke­res Enga­ge­ment der Design­bran­che wünschen?

Wir leben wir in einer äußerst tur­bu­len­ten, oft beängs­ti­gen­den Zeit tief­grei­fen­der Ver­än­de­run­gen. Jeder Bereich der Gesell­schaft könn­te von intel­li­gen­ten und sen­si­blen Design­in­ter­ven­tio­nen pro­fi­tie­ren, und man­che Berei­che benö­ti­gen sie dringend.

Inwie­weit müss­ten sich das Bil­dungs­sys­tem oder die Lehr­in­hal­te eben­falls ändern, um Designer:innen wirk­lich als Schlüsselakteur:innen der gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lung zu posi­tio­nie­ren? 

Vie­le Design­schu­len haben sich bereits dar­auf ein­ge­stellt. Die Zahl der Bewer­bun­gen für Stu­di­en­gän­ge im Pro­dukt- und Möbel­de­sign sowie für ande­re tra­di­tio­nel­le Design­stu­di­en­gän­ge ist in den letz­ten Jah­ren ste­tig zurück­ge­gan­gen. Vie­le die­ser Stu­di­en­gän­ge wur­den ein­ge­stellt, wäh­rend zahl­rei­che Design­hoch­schu­len neue Stu­di­en­gän­ge zu The­men wie huma­ni­tä­re Archi­tek­tur, sozia­les Design, inves­ti­ga­ti­ve Design­for­schung, Design­lö­sun­gen für den Kli­ma­not­stand und so wei­ter ins Leben rie­fen. Dies ist teil­wei­se eine Reak­ti­on auf die Nach­fra­ge der Stu­die­ren­den, spie­gelt aber auch die wach­sen­de Bedeu­tung die­ser The­men in der Gesell­schaft wider. 

Las­sen Sie mich für einen Moment den Advo­ca­tus Dia­bo­li spie­len: Es gibt vie­le Designer:innen, die sich damit zufrie­den­ge­ben, „ein­fach nur“ effek­ti­ve Cor­po­ra­te Designs oder ein ästhe­ti­sches Objekt zu ent­wer­fen. Reicht Ihnen das nicht aus? 

Die tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen der letz­ten Jah­re haben Design zu einem weit­aus grö­ße­ren und fle­xi­ble­ren Medi­um gemacht, indem sie Designer:innen befä­higt haben, auf neu­en Spiel­fel­dern und mit neu­en Arbeits­wei­sen zu expe­ri­men­tie­ren. Es liegt an den ein­zel­nen Designer:innen, auf die­se grö­ße­re Aus­wahl an Spe­zia­li­sie­run­gen zu reagie­ren, indem sie für sich selbst her­aus­fin­den, wie und wo sie ihre Fähig­kei­ten und ihr Wis­sen ein­set­zen möchten.

Muss sich die Design­bran­che gegen­über der Außen­welt viel­leicht ganz anders posi­tio­nie­ren, um als trans­for­ma­ti­ve Kraft und dem­entspre­chend als kom­pe­ten­ter Part­ner wahr­ge­nom­men zu werden?

Auf jeden Fall. Im Indus­trie­zeit­al­ter wur­de Design mit dem Auf­kom­men von Design­dis­zi­pli­nen und Fach­schu­len pro­fes­sio­na­li­siert. Es beschränk­te sich jedoch in der Regel auf kom­mer­zi­el­le Auf­ga­ben, oft als Stil- oder Wer­be­mit­tel, und wur­de auf Anwei­sung ande­rer, meist eines Auf­trag­ge­bers, aus­ge­führt. Dies brach­te erheb­li­che wirt­schaft­li­che und bis zu einem gewis­sen Grad auch gesell­schaft­li­che Vor­tei­le mit sich, ver­ur­sach­te jedoch enor­me Umwelt­schä­den. Zudem ver­fes­tig­te sich das Kli­schee, Design sei ein seich­tes, ober­fläch­li­ches Medi­um, das sich haupt­säch­lich mit dem äuße­ren Erschei­nungs­bild und weni­ger mit dem Inhalt befasse.

Wenn Design sein Poten­zi­al als Motor des Wan­dels aus­schöp­fen soll, muss es die­ses Kli­schee ent­kräf­ten und sei­nen Wert auf neu­em Ter­rain unter Beweis stel­len. Wie könn­te es sonst auf die öffent­li­che Aner­ken­nung und poli­ti­sche Unter­stüt­zung hof­fen, die es benö­tigt, um wei­te­re Fort­schrit­te zu erzielen?

Gera­de im Hin­blick auf Nach­hal­tig­keit haben vie­le erkannt, wie bedeu­tend Design ist oder sein kann. Wird sich die­se Erkennt­nis nun auch auf ande­re Berei­che von gesell­schaft­li­chem Inter­es­se ausweiten?

Das ist bereits gesche­hen. Pao­la Anto­nel­li und ich haben 2020 „Design Emer­gen­cy“, unse­ren Pod­cast und unse­re For­schungs­platt­form, ins Leben geru­fen – zunächst, um die inter­na­tio­na­len Reak­tio­nen der Design­sze­ne auf die damals gras­sie­ren­de Covid-19-Pan­de­mie zu unter­su­chen. Nach eini­gen Mona­ten teil­ten wir die Geschich­ten glo­ba­ler Design-Vorreiter:innen aus ver­schie­de­nen Berei­chen und Regio­nen, die einen wesent­li­chen Bei­trag zum Auf­bau einer bes­se­ren Zukunft leis­ten. Mit ande­ren Wor­ten: Wir woll­ten prak­ti­sche Bele­ge für die Wir­kung genia­ler Design­lö­sun­gen auf tief­grei­fen­de sozia­le, wirt­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen lie­fern. Pao­la und ich sind beein­druckt von den Leis­tun­gen der Designer:innen, mit denen wir spra­chen: Fran­ce­s­ca Colo­ni, Design­lei­te­rin für die welt­wei­ten Flücht­lings­la­ger des UNHCR, Yas­meen Lari, die erfah­re­ne Archi­tek­tin, die den Bau von über einer Mil­li­on neu­er Häu­ser in hoch­was­ser­ge­fähr­de­ten Gebie­ten Paki­stans gelei­tet hat oder das visio­nä­re Team, das für die „Gre­at Green Wall of Afri­ca“ ver­ant­wort­lich ist. Wir inter­view­ten auch Sinéad Bur­ke, die bar­rie­re­freie und inklu­si­ve Objek­te und Räu­me ent­wirft, Eyal Weiz­man, den Grün­der und lei­ten­den Ermitt­ler der inves­ti­ga­ti­ven Design­agen­tur „Foren­sic Archi­tec­tu­re“, und vie­le, vie­le mehr. Sie alle sind inspi­rie­ren­de Vor­bil­der für ambi­tio­nier­te, empa­thi­sche jun­ge Designer:innen. 

Vie­le von Designer:innen initi­ier­te gesell­schafts­kri­ti­sche Pro­jek­te blei­ben in einer „Bla­se“ ste­cken. Sehen Sie das auch so, und wie könn­te die brei­te Öffent­lich­keit erreicht wer­den? Muss sich die Design­sze­ne ein­fach mehr öffnen?

Wenn Design sein Poten­zi­al aus­schöp­fen soll, kom­ple­xe, inter­sek­tio­na­le gesell­schaft­li­che und öko­lo­gi­sche Her­aus­for­de­run­gen anzu­ge­hen, muss es die Öffent­lich­keit, Politiker:innen und ande­re Entscheidungsträger:innen von sei­nem Wert über­zeu­gen. Die­ser Pro­zess ist bereits im Gan­ge und hat Designer:innen die Chan­ce gege­ben, durch das Erzäh­len ihrer eige­nen Geschich­ten das Bewusst­sein für ihre Arbeit zu schärfen.

An wel­che Pro­jek­te den­ken Sie hier­bei konkret?

Um nur eini­ge Bei­spie­le zu nen­nen: Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­kei­ten von „Foren­sic Archi­tec­tu­re“ haben nicht nur dazu bei­getra­gen, das Pro­jekt, son­dern die inves­ti­ga­ti­ve Design­for­schung als dyna­mi­sches neu­es Feld des Designs inter­na­tio­nal zu eta­blie­ren. Oder sehen wir uns das nie­der­län­di­sche Sozi­al­un­ter­neh­men „The Oce­an Cle­a­nup“ an, das neue Metho­den zur Besei­ti­gung von Plas­tik­müll ent­wi­ckelt hat. Es stell­te mit der Beschaf­fung von 2,2 Mil­lio­nen US-Dol­lar Start­ka­pi­tal einen neu­en Rekord im gemein­nüt­zi­gen Crowd­fun­ding auf und erhielt kürz­lich für „The Auda­cious Pro­ject“ eine Finan­zie­rungs­zu­sa­ge in Höhe von 121 Mil­lio­nen US-Dol­lar von einer Grup­pe von Spen­dern. Auch die bei­den paki­sta­ni­schen Ärz­tin­nen, Sara Sae­ed Khur­ram und Iffat Zafar Aga, haben eine Gesund­heits­platt­form erfolg­reich kon­zi­piert und umge­setzt, die mitt­ler­wei­le 2 Mil­lio­nen Patient:innen in ganz Paki­stan ver­sorgt. Sie nut­zen Video­kon­fe­renz-Tech­no­lo­gie und eine App als Mög­lich­keit, Ärz­tin­nen zu kon­sul­tie­ren, die von zu Hau­se aus arbei­ten. Dies sind groß­ar­ti­ge Bei­spie­le dafür, wie Design neue Ziel­grup­pen anspricht.

Das Bau­haus wird welt­weit zitiert und bewun­dert. Brau­chen wir Ihrer Mei­nung nach erneut solch eine Bewe­gung, die einen ech­ten Umbruch darstellt?

Das klingt sehr verlockend.

 

Das Inter­view wur­de im Auf­trag von bay­ern design geführt.
Ali­ce Rawst­horn war Spre­che­rin auf dem mcbw design sum­mit 2026.

Ali­ce Rawst­horn ist eine preis­ge­krön­te Design­kri­ti­ke­rin und Autorin aus Lon­don. Zu ihren Büchern zäh­len Design as an Atti­tu­de sowie zuletzt Design Emer­gen­cy: Buil­ding a Bet­ter Future, das sie gemein­sam mit Pao­la Anto­nel­li, lei­ten­der Design­ku­ra­to­rin am MoMA in New York, ver­fasst hat. Ihre Bücher wur­den in mehr als einem Dut­zend Spra­chen ver­öf­fent­licht, und ihre wöchent­li­che Design­ko­lum­ne für die New York Times wur­de über mehr als ein Jahr­zehnt welt­weit syn­di­ziert. In ihrer Arbeit setzt sich Ali­ce kon­se­quent für Design als sozia­les, poli­ti­sches und öko­lo­gi­sches Instru­ment ein. Gemein­sam mit Pao­la Anto­nel­li ist sie zudem Mit­be­grün­de­rin des Pod­casts Design Emer­gen­cy, der unter­sucht, wie Design posi­ti­ven Wan­del vor­an­trei­ben kann.

Bei­trags­bild: Lukas Barth
Por­trait: Micha­el Lecki

Über die Autorin:

Portraitbild der Autorin Bettina Schulz
Bet­ti­na Schulz

Bet­ti­na Schulz ist freie Tex­te­rin und Desi­gn­jour­na­lis­tin in Mün­chen. Über 18 Jah­re lang präg­te sie als Chef­re­dak­teu­rin das inter­na­tio­na­le Design­ma­ga­zin novum World of Gra­phic Design, bevor sie 2019 ihr eige­nes Redak­ti­ons­bü­ro grün­de­te. 2006 initi­ier­te sie mit ihrem Redak­ti­ons­team die Crea­ti­ve Paper Con­fe­rence. Heu­te ent­wi­ckelt sie Kun­den­ma­ga­zi­ne, schreibt für ver­schie­de­ne Maga­zi­ne und Agen­tu­ren und betreut Blogs sowie Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on für Kun­den aus unter­schied­li­chen Bran­chen. Dar­über hin­aus ist Bet­ti­na Schulz Juro­rin bei zahl­rei­chen Design­wett­be­wer­ben und im Bera­tungs­bei­rat der Müns­ter School of Design, FH Münster.