23. September 2026

SIGNAL—NOISE

Jahresmotto der mcbw 2027

Das Wesent­li­che wahrnehmen.

Je lau­ter die Welt wird, des­to wich­ti­ger wird unse­re Fähig­keit, die fei­nen Signa­le wahr­zu­neh­men – und zu erken­nen, was wirk­lich zählt.

Unse­re Welt ist laut. Infor­ma­tio­nen sind über­all. Sys­te­me ana­ly­sie­ren, bewer­ten und ent­schei­den. Künst­li­che Intel­li­genz erkennt Mus­ter, Algo­rith­men fil­tern Inhal­te und Tech­no­lo­gien reagie­ren schnel­ler als je zuvor.

Doch je mehr Infor­ma­tio­nen uns umge­ben, des­to schwie­ri­ger wird es, das Wesent­li­che wahr­zu­neh­men. Zwi­schen unzäh­li­gen Rei­zen, Mei­nun­gen und Daten ent­steht die Dich­te und Laut­stär­ke einer Welt, in der die sub­ti­len Signa­le zuneh­mend schwer wahr­nehm­bar wer­den. Noise.

Das Signal ist längst da. Es liegt in Ver­schie­bun­gen und Mus­tern, in Zwi­schen­tö­nen und Zusam­men­hän­gen, in dem, was noch nicht offen­sicht­lich oder mess­bar ist. Die Her­aus­for­de­rung besteht nicht dar­in, es lau­ter zu machen, son­dern unse­re Fähig­keit zu stär­ken, es wahr­zu­neh­men. Signal.

Die Zukunfts­den­ke­rin Lind­sey Macker­eth beschreibt Sen­si­ti­vi­tät als ein hoch­ent­wi­ckel­tes Sys­tem der Mus­ter­er­ken­nung: nicht als Fra­gi­li­tät, son­dern als Fähig­keit, frü­her wahr­zu­neh­men, Unter­schie­de zu erken­nen und Zusam­men­hän­ge zu erfas­sen, die ande­ren ver­bor­gen bleiben.

Die­se Fähig­keit beschrei­ben wir als Wahrnehmungsintelligenz.

Sie ver­bin­det sinn­li­che Wahr­neh­mung mit Empa­thie, Emo­ti­on, Intui­ti­on und Kon­text­ver­ständ­nis. Sie hilft uns, Zwi­schen­tö­ne zu lesen und Rele­van­tes von Irrele­van­tem zu unterscheiden.

Gera­de in einer Welt, in der künst­li­che Intel­li­genz immer grö­ße­re Men­gen an Infor­ma­tio­nen ver­ar­bei­tet und Mus­ter erkennt, gewinnt die­se mensch­li­che Fähig­keit an Bedeu­tung. Denn Infor­ma­ti­on allein erzeugt noch kei­ne Bedeu­tung. Sie ent­steht dort, wo Men­schen wahr­neh­men, inter­pre­tie­ren und Din­ge in einen Kon­text setzen.

Der Design­theo­re­ti­ker Klaus Krip­pen­dorff hat die­sen Per­spek­tiv­wech­sel mit dem Seman­tic Turn geprägt: weg von der Gestal­tung von Din­gen allein, hin zu den Bedeu­tun­gen, die Men­schen ihnen geben. Design gestal­tet damit nicht nur Objek­te, Funk­tio­nen oder Infor­ma­tio­nen, son­dern auch die Bedin­gun­gen, unter denen wir unse­re Umwelt ver­ste­hen und mit ihr in Bezie­hung treten.

Design gestal­tet Wahr­neh­mung. Es ent­schei­det, was sicht­bar wird und was im Hin­ter­grund bleibt, lenkt Auf­merk­sam­keit, schafft Ori­en­tie­rung und macht Kom­ple­xi­tät ver­ständ­lich. Es inter­pre­tiert Signa­le und über­setzt sie in Pro­duk­te, Räu­me, Ser­vices und Technologien.

Doch Wahr­neh­mung und Bedeu­tung allein rei­chen nicht. Ent­schei­dend ist auch, ob uns etwas erreicht – und dar­aus eine Bezie­hung zur Welt ent­steht. Der Sozio­lo­ge Hart­mut Rosa beschreibt dies als Reso­nanz: eine Form der Welt­be­zie­hung, in der wir nicht nur regis­trie­ren oder kon­trol­lie­ren, son­dern uns anspre­chen las­sen, ant­wor­ten und dadurch selbst ver­än­dert wer­den können.

In einer zuneh­mend beschleu­nig­ten, opti­mier­ten und tech­no­lo­gi­sier­ten Welt stellt sich des­halb eine zen­tra­le Fra­ge für Design: Wie gestal­ten wir nicht nur effi­zi­en­te­re Sys­te­me, son­dern Bedin­gun­gen für Resonanz?

Design prägt, wie wir unse­re Umwelt erle­ben und mit ihr inter­agie­ren. Es gestal­tet nicht nur Funk­tio­nen, son­dern Bezie­hun­gen: zwi­schen Mensch und Objekt, Mensch und Tech­no­lo­gie, Mensch und Umwelt und Mensch und Mensch.

Wie kön­nen wir unse­re Wahr­neh­mungs­in­tel­li­genz stär­ken, statt sie im Rau­schen zu ver­lie­ren? Wie gestal­ten wir Pro­duk­te, Tech­no­lo­gien und Lebens­räu­me, die nicht nur effi­zi­ent funk­tio­nie­ren, son­dern Ori­en­tie­rung und Reso­nanz ermög­li­chen? Und wel­che Rol­le spielt Design, wenn die größ­te Her­aus­for­de­rung nicht dar­in besteht, mehr Infor­ma­tio­nen zu erzeu­gen, son­dern Signa­le wahr­zu­neh­men, ihnen Bedeu­tung zu geben und sie in Bezie­hung zu unse­rer Welt zu setzen?

In einer Welt vol­ler Noi­se wird die Fähig­keit, das Signal wahr­zu­neh­men, ent­schei­dend. Design schafft die Bedin­gun­gen, unter denen Signa­le wahr­nehm­bar wer­den, Bedeu­tung ent­ste­hen und Reso­nanz mög­lich wer­den kann.

Tuning Per­cep­ti­on

Signa­le erkennen.

Gestal­tung beginnt mit Beob­ach­tung. Design schärft unse­re Wahr­neh­mung für die sub­ti­len Signa­le im Noi­se – für Mus­ter, Bedürf­nis­se, Zwi­schen­tö­ne und Ver­schie­bun­gen, die noch nicht offen­sicht­lich sind, aber zukünf­ti­ge Ent­wick­lun­gen prä­gen können.

Wie lesen wir Kom­ple­xi­tät? Wel­che Metho­den hel­fen uns, rele­van­te Zwi­schen­tö­ne zu erken­nen? Und wie ent­ste­hen aus genau­er Beob­ach­tung neue Per­spek­ti­ven für Gestaltung?

“Don’t start just desig­ning your idea but obser­ve peo­p­le first.” — Donald Norman

Making Mea­ning

Bedeu­tung ent­ste­hen lassen.

Wahr­neh­men allein genügt nicht. Infor­ma­tio­nen und Signa­le erhal­ten Bedeu­tung, wenn wir sie inter­pre­tie­ren, in Bezie­hung set­zen und in einen Kon­text ein­ord­nen. Design kann die­se Zusam­men­hän­ge sicht­bar und Kom­ple­xi­tät ver­ständ­lich machen – und damit Ori­en­tie­rung ermöglichen.

Im Mit­tel­punkt ste­hen Nar­ra­ti­ve, Sys­te­me und neue For­men der Kom­mu­ni­ka­ti­on – von Daten­vi­sua­li­sie­rung über Sto­rytel­ling bis hin zu gesell­schaft­li­chen Diskursen.

Wie ent­steht Bedeu­tung? Wie macht Gestal­tung Unsicht­ba­res sicht­bar? Wel­che Impul­se ver­die­nen unse­re Auf­merk­sam­keit? Und wel­che Rol­le spie­len Empa­thie und Intui­ti­on dabei, Rele­vanz zu erken­nen und Ori­en­tie­rung zu schaffen?

“Design is the con­scious effort to impo­se meaningful order.” — Vic­tor Papanek

Trans­la­ting Signals

Erleb­nis­se gestalten.

Erkann­te und ver­stan­de­ne Signa­le müs­sen in Gestal­tung über­setzt wer­den. Design über­führt Erkennt­nis­se in Pro­duk­te, Ser­vices, Räu­me und Sys­te­me, die intui­tiv ver­ständ­lich, zugäng­lich und erleb­bar werden.

Gera­de im Zusam­men­spiel von künst­li­cher Intel­li­genz und mensch­li­cher Wahr­neh­mungs­in­tel­li­genz wird Design zur ent­schei­den­den Schnitt­stel­le: Es ver­bin­det tech­no­lo­gi­sche Mög­lich­kei­ten mit Kon­text, Empa­thie, Intui­ti­on und mensch­li­chen Bedürfnissen.

Wie gestal­ten wir intui­ti­ve Erleb­nis­se? Wel­che Rol­le spielt Design in intel­li­gen­ten Pro­duk­ten und Ser­vices? Wie ent­steht Ver­trau­en zwi­schen Mensch und Technologie?

“Even­tual­ly ever­y­thing con­nects.” — Charles Eames

Crea­ting Resonance

In Bezie­hung treten.

Gestal­tung endet nicht dort, wo etwas ver­stan­den wird. Sie kann Men­schen berüh­ren, Ant­wor­ten her­vor­ru­fen und Bezie­hun­gen ent­ste­hen las­sen – zwi­schen Mensch und Objekt, Mensch und Tech­no­lo­gie, Mensch und Umwelt und Mensch und Mensch.

Im Sin­ne von Hart­mut Rosa wird Reso­nanz damit zu einer Fra­ge der Bezie­hung: Wie kann Design Bedin­gun­gen schaf­fen, in denen wir uns von unse­rer Umwelt anspre­chen las­sen, dar­auf ant­wor­ten und neue Per­spek­ti­ven entwickeln?

Wel­che Gestal­tung wirkt über den Moment hin­aus? Wie ent­steht Reso­nanz statt blo­ßer Reich­wei­te? Wie kann Design gesell­schaft­li­chen Wan­del unter­stüt­zen? Und wel­che Ver­ant­wor­tung trägt Gestal­tung in einer Welt vol­ler Noise?

“Design is not the object. Design is the rela­ti­onship.” — Micha­el Bierut